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Katharina Aigner

© Katharina Aigner

Julianne Cordray im Gespräch mit Katharina Aigner

Im Rahmen des Critic in Residence Programms von studio das weisse haus in Kooperation mit der VIENNA ART WEEK 2020 hatte Julianne Cordray die Gelegenheit, mit der Künstlerin Katharina Aigner zu sprechen, deren forschungs- und performancebasierte Praxis oft unsichtbare, ungehörte lesbische Geschichten visualisiert und historische Narrative aus einer queer-feministischen Perspektive aufarbeitet. Die beiden trafen sich in Aigners Studio zum Tee, wo sie sich über ihre aktuellen, in Arbeit befindlichen Videoarbeit “I sketched, barely visible in pencil, our walk in her notebook …” unterhielten.

 

An der Wand über Katharina Aigners Schreibtisch hängen ein paar Ausdrucke von Zeichnungen. Es sind fiktive Szenen, die im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück während des Naziregimes entstanden sind – ein horizontal quer über die Bilder verlaufender Stacheldrahtzaun gibt einen Hinweis auf das Setting. Die Abbildungen zeigen aber auch die eigentlich unmöglichen Szenen lesbischer Liebe, Lust und Zweisamkeit. Diese Zeichnungen sind der Ausgangspunkt für Aigners neuestes Projekt – ein nächster Schritt in ihrer fortlaufenden Recherchearbeit.

„Worüber ich gerade nachdenke, sind Fragen, wie man nicht existente Geschichten erzählen kann, wie man die Grenzen von Dokumenten hinterfragen kann und wie diese sehr unscharfen Erzählungen unsere Art, Geschichte zu betrachten, in Frage stellen und die Wichtigkeit des Wiederaufsuchens des Archivs unterstreichen können“, erklärt Aigner.

 

Auf ihrem Schreibtisch und auf einem Nebentisch sind Bücher fein säuberlich geordnet, Post-its schauen an ihren Rändern hervor. Eine Ästhetik, die auch in ihrer Videoarbeit „Ohne Titel (Bücher; Flurstücke 313, 314, 317, 318, 103/2,109)“ aus dem Jahr 2019 zum Tragen kommt. Sie beginnt mit einem Paar Hände, die durch mit Post-its markierte Seiten mehrerer Bücher blättern und lange genug auf Passagen verweilen, damit der Zuschauer sie lesen kann. Die Bücher, die sie im Atelier zur Hand hat, stehen vor allem im Zusammenhang mit ihrer Recherche für die neue Arbeit. Dazu gehört Referenzmaterial, das sich mit dem Geschichtenerzählen anhand von fragmentierten Dokumenten und Bildern beschäftigt, wie zum Beispiel „Wayward Lives, Beautiful Experiments: Intimate Histories of Riotous Black Girls, Troublesome Women, and Queer Radicals“ von Saidiya Hartman; sowie Literatur, die sich direkt auf die Frauen bezieht, die in die Konzentrationslager deportiert wurden.

In deinen beiden jüngsten Videos „20 rue Jacob“ und „Ohne Titel (Bücher; Flurstücke 313, 314, 317, 318, 103/2,109)“ bleibt der Körper, auch wenn er nicht oder nur teilweise sichtbar ist, als Vehikel präsent, durch das bestimmte Erzählungen erkundet werden – sei es durch das Geräusch von Schritten, die Kameraschwenks, Hände, die Seiten umblättern etc. Ich möchte dich fragen, warum du den Körper auf diese Weise präsentierst und in Beziehung setzt (sogar in der digitalen Darstellung in „20 rue Jacob“) und wie sich das auch auf eine bestimmte Ästhetik der Recherche beziehen könnte, die du in deiner Arbeit erkundest.

 

Meine Arbeit ist von ihrer Natur her subjektiv und baut darauf auf, wie ich mit queeren Orten und Geschichten interagiere. Es ist mein persönlicher Weg durch diverse historische Archive, der in den performativen Aspekten der Arbeiten, die du beschreibst, sichtbar wird. Objekte, mit Post-its markierte Textfragmente, Filme und Fotografien hinterlassen einen Pfad meines persönlichen Umgangs mit diesen Erzählungen. Allerdings ist es mir wichtig, diese als offene Systeme zu installieren, die die Möglichkeit vieler verschiedener Versionen eröffnen. Der Kern sämtlicher meiner aktuellen Arbeiten ist eine Praxis des genauen Wieder-Lesens und Neu-Imaginierens. Sie ist spekulativ und versucht daher nie, objektiv zu sein. Es ist aber auch eine Politik des Blicks, die es für mich wichtig macht, einen Körper in der Arbeit präsent zu haben; sie hinterfragt nicht nur, was erzählt wird, sondern auch, wer diese Geschichten erzählt.

 

Mich interessierte der Stil der digitalen Animation, der in „20 rue Jacob“ verwendet wird. Die Architektur scheint lebendig zu werden, wenn man sich ihr nähert – Linien und Muster tauchen an Wänden, Böden und Türen auf, Fenster und Türen öffnen sich von selbst. Es scheint, als ob der Ort selbst ein sich bewegender Körper ist. Kannst du vielleicht einen Einblick in diesen Ansatz geben?

 

Der Tempel der Freundschaft, der im Zentrum des Renderings „20 rue Jacob“ liegt, ist untrennbar mit der Salonistin und Schriftstellerin Natalie Clifford Barney und dem Kreis lesbischer Künstlerinnen verbunden, mit denen sie sich umgab. Der Tempel existiert noch immer, ist aber von der Öffentlichkeit völlig abgeschirmt. Die Unzugänglichkeit von Orten oder Dokumenten ist ein frustrierendes, aber häufiges Phänomen in der queeren Geschichtsforschung. Queere Narrative sind hier, aber sie brauchen Pflege und Aufmerksamkeit, um ausgegraben zu werden. Das Rendering wird aus Textfragmenten, alten Fotografien, Erinnerungen – einem behelfsmäßigen Archiv – erdacht, das als Blaupause für dieses animierte Modell dient. Die Kamera bewegt sich hindurch und lässt mit ihrem Blick diesen Ort entstehen. Die Architektur offenbart sich mit dem Blick, der auf sie gerichtet wird. Doch während wir uns bewegen, stellt sich dies als eine wechselseitige Beziehung heraus, es ist nicht klar, ob wir den Raum aktivieren oder ob die Architektur uns in Bewegung setzt. Es gibt ein Archiv, das zurückschaut.

 

Du sprichst von Undurchsichtigkeit und dessen Potential als produktiver und fruchtbarer Boden für queere Geschichten. Ich frage mich, welche Rolle die Hauntologie – die Präsenz von Spuren aus der Vergangenheit in den Räumen, die du erforschst – für dich spielt, wenn es darum geht, die Diskussion über mögliche zukünftige Erzählungen zu eröffnen.

 

Wenn ich in Begriffen der Hauntologie denke, gibt es zwei verschiedene Voraussetzungen für das „Heimsuchen“, die sich in meiner Arbeit manifestieren. Während die Behauptung, das Unrecht einer sexistischen und homophoben Rezeptionsgeschichte sei überwunden, eine Re-Lektüre und Re-Aktivierung der lesbischen Kunst- und Literaturszene des Paris der 1920er Jahre (Natalie Clifford Barney, Renée Vivien, Lucie Delarue-Mardrus, Djuna Barnes …) verlangt, ist es die Negation des Ausmaßes der Gewalt selbst, die als Voraussetzung für die spektralen Qualitäten meiner neuesten Arbeiten dient. In beiden Fällen stehen unvollendete oder fragmentierte Vergangenheiten im Mittelpunkt und belasten die Orte, mit denen sie verwoben sind. Für mich bedeutet die Arbeit mit Undurchsichtigkeit in einem historiografischen Kontext, dass ich mir eine Praxis vorstelle, die sich mit den Räumen beschäftigt, die von den Mainstream-Narrativen leer gelassen oder vergessen wurden, mit dem Ziel, über ein bloßes Auffüllen der Lücken hinauszugehen und nicht-lineare, mehrdeutige Geschichten zu erzählen, die unsere gegenwärtige Sicht auf die Geschichte herausfordern.

 

Als ich „20 rue Jacob“ und „Ohne Titel (Bücher; Flurstücke 313, 314, 317, 318, 103/2,109)“ angesehen habe, habe ich auch über Psychogeografie nachgedacht – die Erforschung der emotionalen und psychologischen Auswirkungen, die Räume und geografische Orte auf uns haben, auch verbunden mit individuellem und kollektivem Gedächtnis, Geschichte usw. In diesem Zusammenhang habe ich in Bezug auf „I sketched, barely visible in pencil, our walk in her notebook …” (2020) überlegt, welche Beziehung wir zu Objekten haben – unsere affektive Bindung an Objekte – jene eingeschlossen, die wir vielleicht in einem Archiv finden. Wie denkst du darüber, wie sich unsere emotionale Verbindung zu diesen Objekten verändert, wenn sie nicht greifbar oder imaginär/fiktiv sind, und wie diese affektive Bindung übertragen werden kann.

Ich habe Ravensbrück letztes Jahr besucht, als ich über Nadine Hwang recherchierte, die 1944 unter ungeklärten Umständen dorthin deportiert wurde. Als ich durch die Dauerausstellung ging, war ich sehr bewegt von den ausgestellten Artefakten. Objekte, die wir in Archiven finden, liegen an der Schnittstelle von Erinnerung und Geschichte. Sie können höchst persönliche, alltägliche Gegenstände sein, während sie gleichzeitig in einen historischen Kontext gestellt werden. Das macht sie sowohl zu Zeugen als auch zu Gefäßen für das Erzählen von Geschichten über die Zeit hinweg.

 

Wenn man an die lesbische Geschichte denkt, besonders im Kontext des Naziregimes, fehlen solche Archive oft. Sie werden durch anhaltende Homophobie, zerstörte Dokumente, fehlende Selbstzeugnisse von Frauen* und die Schwierigkeit, Zeitzeuginnen zu finden, die bereit sind, über das Thema Homosexualität zu sprechen, ausgeblendet und machen so die Geschichten lesbischer Frauen* unzugänglich. Wie können diese Erzählungen also trotzdem erzählt werden? Was ist zu tun, wenn es keine Faktenarchive gibt?

 

Meine neue Arbeit „I sketched, barely visible in pencil, our walk in her notebook …”, eine essayistische Videoanimation, beschäftigt sich mit der Suche nach Artefakten, in Bezug auf Lesben, die in Konzentrationslagern inhaftiert waren. Die Geschichten der Protagonistinnen werden durch imaginierte, gerenderte Artefakte erzählt, die im Bild erscheinen und verschwinden. Ein Notizbuch, ein Ring, ein Kamm … mehrdeutige Hinweise, die zum Ausgangspunkt für ein neues spekulatives Archiv werden, das die Bedeutung von Objekten für das Erzählen marginalisierter Geschichten betont. Das Zeigen von Objekten in Beziehung zu queeren Protagonisten, auch wenn sie spekulativen Ursprungs sind, ist eine Möglichkeit, queeren Erzählungen aus der Vergangenheit eine Stimme zu geben und sie die Gegenwart mitbestimmen zu lassen.

(Julianne Cordray)