VIENNA ART WEEK 2022 - CHALLENGING ORDERS

Was sagen unsere Direktor:innen zum Thema „Challenging Orders“?

Hinter der Vienna Art Week steht der Trägerverein „Art Cluster Vienna“. Wir haben unsere Vereinsmitglieder gefragt, wie sie die Rolle ihrer Institutionen in Bezug auf „Challenging Orders“ sehen. Hier ihre Antworten…

 

 

Foto: Natascha Unkart / belle & sass

„Challenging orders“ als antirassistischer, feministischer Protest

Die Secession fördert in ihrem internationalen Programm zeitgenössische künstlerische Agenden, Experimente und gesellschaftskritische Diskurse, die sich mit unserer Zeit und ihrer politischen Bedeutung beschäftigen. Es gilt Anordnungen und Befehle dort anzufechten, wo sie überlieferte Stereotype bedienen und so vorhandene Machtverhältnisse festigen und daran zu arbeiten unsere Gesellschaft offener und inklusiver zu gestalten. Wir dürfen nicht aufhören uns für Gerechtigkeit einzusetzen, für unsere und die nächsten Generationen.

In diesem Sinne verstehen wir „Challenging orders“ als einen Aufruf zum antirassistischen, feministischen Protest.

Der Vorstand der Vereinigung bildender KünstlerInnen Wiener Secession

Ramesch Daha (Präsidentin), Ricarda Denzer, Barbara Kapusta, Wilfried Kühn, Ulrike Müller, Nick Oberthaler, Michael Part, Lisl Ponger, Axel Stockburger, Sophie Thun, Anna Witt, Jun Yang

© Katharina Gossow/MAK

Eine neue Sichtweise verlangt nicht nur andere Perspektiven, sondern auch neue Gewichtungen und Hierarchien. Wie man an eine Sammlung, wie die des MAK herangeht, ist „challenging orders“ im aktiv und passiv gelesenen Sinn, einmal Betonung auf „challenging“, einmal auf „orders“. Was gestern wichtig war, hat heute oft kaum Bedeutung mehr, was unterschätzt wurde, wird als vorausdenkend erkannt. Auf sich verändernde Situationen zu reagieren ist auch eine wichtige Rolle von Kunst und Design, künstlerische Strategien antizipieren dabei oft politische und gesellschaftliche Veränderungen. In jedem Fall: challenge accepted!

 

© Ouriel Morgensztern

Was uns heute verbindlich, normiert und unumstößlich erscheint, kann morgen schon obsolet sein oder als rückwärtsgewandt eingestuft werden. Das erleben wir aktuell ständig in unserer von demokratischen Werten aber auch von ständigem Wandel geprägten Gesellschaft.

Die in unseren Museen und Kunsthallen präsentierte Kunst ist häufig Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, oft fortschrittlich, manchmal revolutionär und bisweilen sogar visionär.

In den letzten Jahrzehnten ist das Hinterfragen, Kritisieren und Analysieren von Hierarchien, der Ungleichbehandlungen der Geschlechter oder einzelner gesellschaftlicher Gruppen immer drängender geworden.

Der Wandel ist schon aus Gründen veränderter Lebensrealitäten eine Notwendigkeit, das Motto „Challenging Orders“ der Vienna Art Week ist somit am Puls der Zeit.

Stella Rollig, Generaldirektorin Belvedere

Künstler:innen sind schon immer sehr gut darin gewesen, bestehende Verhältnisse, Ordnungen und Machtstrukturen zu subvertieren, auszuhebeln und neu zu formatieren. Damit fordern sie die Gesellschaft heraus und rütteln an institutionellen Säulen. Das ist unbequem und verursacht bisweilen Schrecken oder Schmerz. Dennoch ist es für die Gesellschaft und – in unserem Fall – für Museen notwendig und lohnend, sich diesen Prozessen zu stellen und sie offen zu verhandeln. Am Ende gewinnen alle Beteiligten – zumindest neue, frische Perspektiven!

Gerhard Hirczi, Geschäftsführer Wirtschaftsagentur Wien

Ob durch die Pandemie, Kriege oder tiefgreifende ökologische und soziale Veränderungen: Umbrüche prägen unsere Gegenwart und Gesellschaft, stellen sie mehr denn je auf die Probe. Nicht nur der Kunst kommt die Aufgabe zu, neue Denkansätze zu entwerfen. Auch Organisationen und Städte sind aufgefordert, ihre Instrumente und Angebote immer wieder neu zu analysieren und anzupassen. Gemeinsam mit Wiener Unternehmerinnen und Unternehmern bieten wir den aktuellen Herausforderungen mit Innovation die Stirn. Heuer setzen wir in der Wirtschaftsagentur Wien auf die Wechselwirkungen zwischen digitalen Technologien und Kulturerlebnissen. Und wir setzen, wenn es um ein gutes Morgen geht, schon heute auf die Kraft der Kreativen. Denn diese sind oft die Allerersten, die darüber nachdenken, was unseren Alltag in Zukunft bestimmen und beeinflussen wird.

Karola Kraus, Generaldirektorin mumok, Foto: Andrea Kremper, ©mumok

Das Miteinander als globale Überlebensstrategie scheint mir ein erfolgversprechendes Szenario im Kampf gegen die aktuellen Krisen zu sein. Bestehende Strukturen und Ordnungsprinzipien müssen ernsthaft hinterfragt werden. Ich sehe unsere Aufgabe als Kunstinstitution darin, mittels digitaler Vernetzung, Inklusion, Diversität und Kollaboration einen Paradigmenwechsel zu schaffen. Die Ausstellung „mixed up with others before we even begin“ im mumok, deren Eröffnung gleichzeitig die Abschlussveranstaltung der Vienna Art Week 2022 sein wird, untersucht Denk- und Arbeitsmodelle, die diese Überlegungen aufgreifen und auf einer visuellen Ebene miteinander in Beziehung setzen.

Agnes Husslein-Arco, Direktorin Heidi Horten Collection, Foto: Sabine Wiedenhofer

Mit der Gründung einer neuen musealen Institution in einer Kulturmetropole wie Wien wird naturgemäß in bestehende Ordnungen eingegriffen, diese werden herausgefordert und mit ihrer eigenen institutionellen Identität konfrontiert.

Vor uns liegt eine spannende Zeit: Zunächst wird es darum gehen, unsere Position als neues und bislang einziges ständig öffentlich zugängliches Privatmuseum in Wien zu etablieren, Dialoge mit nationalen und internationalen Häusern aufzubauen und so als „Heidi Horten Collection“ jene Strahlkraft auszubauen, die die Sammlung seit ihrer ersten öffentlichen Präsentation im Jahr 2018 erarbeitet hat. Die kulturpolitische Verantwortung unseres Projekts liegt darin, zu zeigen, dass eine unabhängige, private Institution in der Lage ist, Kunst auf liebevolle, begeisternde, kreative Weise und auf hohem Niveau allen zugänglich zu machen. Dazu gehört natürlich auch die wissenschaftliche Aufarbeitung und das Kontextualisieren der Sammlung. Die Herausforderung wird es zudem sein, die für die privaten Räume gesammelten Werke kunst- und kulturhistorisch zu verorten. Anders als bei historisch gewachsenen Sammlungen, die vielleicht politischen oder institutionellen Bedingungen und Anforderungen Rechnung tragen müssen, können wir losgelöst von öffentlichen Auflagen, ein neues Kapitel der Wiener Kunst- und Museumsgeschichte aufschlagen. Mit der Eröffnung eines eigenen Museums setzt die Sammlung einen Schritt in die Zukunft, die sich auch in der ständigen Erweiterung um neue mediale Formate zeigt. Unsere Challenge wird es sein, den bestehenden Sammlungsschwerpunkt zu hinterfragen und um zeitgenössische Positionen zu erweitern, um auf aktuelle gesellschaftsrelevante Fragen einzugehen.

Monika Pessler, Direktorin Sigmund Freud Museum, ©Alexander Ch. Wulz

Es kommt nicht von ungefähr, dass trotz Krieg, Pandemie, Energie- und Wirtschaftskrise ein starkes Interesse an den erkenntnistheoretischen Aspekten der Psychoanalyse zu verzeichnen ist. Gerade diese verschärften Daseinsbedingungen, veranlassen vor allem junge Menschen dazu, den Ursprungsort der Psychoanalyse in der Wiener Berggasse aufzusuchen. Entsprechend kommt es auch zur Wiederentdeckung der Kunst-Revolution des Surrealismus, die nicht nur in Museen in New York, Berlin und Wien sondern auch auf der Kunst-Biennale in Venedig zum Thema erhoben wird. Diese Entwicklungen zeugen vom drängenden Bedürfnis, den gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen neue Wirklichkeiten entgegenzusetzen – eine absolute Realität, die in der Verschmelzung von inneren und äußeren Erfahrungswelten ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit in Aussicht stellt.

Angelika Fitz, Direktorin Architekturzentrum Wien

Als Museen sind wir mitverantwortlich für das, was eines Tages zur Ordnung, zum Kanon wird – durch die Art und Weise, wie wir sammeln, forschen, ausstellen. Die Geschichte der Museen ist geprägt von strukturellen Ausschlüssen und Auslassungen. „Challenging Orders“ ist daher ein zentrales Anliegen unserer neuen Schausammlung „Hot Questions – Cold Storage“. Sie folgt keiner Meistererzählung, sie lässt Raum für Gegenerzählungen, bisher Verborgenes, Widersprüchliches und stellt dabei stets die grundsätzliche Frage nach der Rolle von Architektur in unserer Gesellschaft. Zum Beispiel die Suche nach Ansätzen, die zur Reparatur der Zukunft beitragen, anstatt ihre Zerstörung voranzutreiben. Ein radikales Umdenken in der Architektur ist notwendig, um unser Überleben auf diesem Planeten zu sichern.