VIENNA ART WEEK 2026

NAVIGATING ANGST. Das Motto der VIENNA ART WEEK 2026

Angst ist kein bloßes Gefühl, sondern die Struktur unserer Gegenwart. Ein stetes Grundrauschen unter politischen Umbrüchen, ökologischen Krisen und digitaler Überforderung. Doch was, wenn wir sie nicht als Lähmung, sondern als Katalysator begreifen – als eine Kraft, die uns zwingt, umzudenken, uns anzupassen und zu handeln?

Von Anne Zühlke und Robert Punkenhofer

 

Wie navigiert uns die Kunst durch die Unwegsamkeit der Gegenwart? Wie navigieren wir die Kunst durch die Untiefen politischer Wirren? Und was heißt es, sich mithilfe von Kunst zu orientieren, ohne den Anspruch auf feste Koordinaten?

 

Die VIENNA ART WEEK 2026 setzt bei einer Erfahrung an, die allgegenwärtig ist und doch selten präzise gefasst wird: Angst. Nicht als bloßes Symptom einer krisenhaften Zeit, sondern als deren Struktur.

 

„So ist die Angst nicht nur Hemmung, sondern auch Antrieb,

indem sie uns zwingt, uns selbst gegenüberzutreten.“ (L. Andreas-Salomé)

 

Die gegenwärtigen politischen, ökonomischen und kulturellen Verschiebungen wirken auf den Alltag, den Körper und die Wahrnehmung. Psychoanalytiker:innen wie Lou Andreas-Salomé und Sigmund Freud beschrieben das Kippen des Vertrauten ins Fremde und damit eine Erfahrung, die heute weniger Ausnahme als Grundzustand ist. Auch Franz Kafkas Schreiben kreist um diese Form der strukturellen Verunsicherung: Figuren bewegen sich in Systemen, deren Regeln zugleich präzise und unverständlich sind. Orientierung wird eingefordert, aber nie eingelöst.

 

Seit Generationen nutzen Künstler:innen  diese Verunsicherung als Antrieb künstlerischer Produktion. In den fotografischen Arbeiten von Nan Goldin wird Verletzlichkeit als kollektive Realität sichtbar, in der Intimität und gesellschaftliche Gewalt untrennbar miteinander verschränkt sind. Ed Atkins verschiebt diese Auseinandersetzung in den digitalen Raum: Seine hyperrealen Avatare verhandeln Entfremdung, Kontrollverlust und emotionale Überforderung in einer technologisch vermittelten Gegenwart. Angst wird hier nicht aufgelöst, sondern lesbar gemacht als etwas, was sich durch Körper und Bilder hindurch artikuliert.

 

Diese Lesbarkeit ist untrennbar mit der kontinuierlichen Produktion von Bildern verbunden. Wir leben nicht nur mit ihnen, sondern durch sie. Der französische Philosoph Jean Baudrillard hat in „Simulacres et Simulation“ beschrieben, wie Bilder sich von der bloßen Repräsentation lösen und zu eigenständigen Wirklichkeitsproduzenten werden. Heute, im Strom von Echtzeitbildern aus Kriegsgebieten und im Strudel KI-generierter Inhalte, zeigt sich diese Dynamik mit neuer Schärfe. Bilder informieren nicht nur. Sie affizieren, lenken, destabilisieren. Künstlerische Positionen wie jene von Hito Steyerl oder dem Kollektiv Forensic Architecture setzen genau hier an: Sie analysieren Bildproduktion als politische Praxis, legen deren Bedingungen offen und machen sichtbar, wie sehr Wahrnehmung selbst zum umkämpften Terrain geworden ist. Andere, wie Tony Oursler, verschieben die Grenze zwischen innerer und äußerer Realität, indem sie Angstbilder als Projektionen psychischer Zustände inszenieren, die sich mit medialen Oberflächen überlagern.

 

Diese ästhetischen Strategien stehen nicht außerhalb politischer Dynamiken, sondern sind tief in sie eingelassen. Die gegenwärtigen Verschiebungen globaler Machtverhältnisse gehen einher mit einer Rhetorik der Angst, die gezielt vereinfacht: durch Feindbilder, durch Grenzziehungen, durch Zuschreibung von Schuld. Körper werden dabei zu Projektionsflächen – insbesondere jene, die sich normativen Ordnungen entziehen. Der Kunsthistoriker

 

David Getsy beschreibt in „Ten Queer Theses on Abstraction“ (2019) das widerständige Potenzial von Abstraktion genau dort, wo gesellschaftliche Kräfte versuchen, Körper festzuschreiben. Kunst widersetzt sich dieser Fixierung nicht durch einfache Gegenbilder, sondern durch Verfahren, die Eindeutigkeit unterlaufen und Identität als beweglich erfahrbar machen.

 

[…] abstraction makes room for a different kind of sedition

against the imposition of normativity. (D. Getsy)

 

Dass sich diese Unsicherheit nicht zuletzt aus ökologischen Bedingungen speist, verschärft ihre Dringlichkeit. Klimakrise, Ressourcenknappheit und globale Verteilungskonflikte erzeugen ein Gefühl permanenter Vorläufigkeit. Künstlerische Arbeiten reagieren darauf mit Entwürfen, die sich einfachen Lösungen entziehen. Sie bewegen sich zwischen Utopie und Dystopie und erproben Modelle eines Zusammenlebens, in dem menschliche Existenz nicht zwangsläufig im Widerspruch zum Erhalt des Planeten steht. In einem erweiterten Verständnis von Beziehungsweisen, das auch nicht-menschliche Akteure einbezieht, wird Angst zu einem Sensorium für ein gestörtes Gleichgewicht.

 

Dass permanente Ungewissheit nie verschwindet, sondern produktiv genutzt werden kann, deutet der karibisch-afrikanische Philosoph und Dichter Édouard Glissant in seiner „Poetik der Relation“ an. Identität ist nichts Festes, sondern entsteht im Kontakt, in Differenz, in Bewegung. Wer sich darauf einlässt, gibt die Vorstellung auf, Komplexität zugunsten von Eindeutigkeit zu reduzieren, und gewinnt stattdessen die Möglichkeit, in ihr zu navigieren. Angst markiert in diesem Sinne keinen Stillstand, sondern eine Schwelle: den Moment, in dem vertraute Ordnungen porös werden und andere Formen des Denkens und des Zusammenlebens sichtbar werden.

 

Gleichzeitig bleiben die künstlerische Produktion und das Leben als Künstler:in selbst von strukturellen Faktoren nicht unberührt. Kunst entsteht unter ökonomischem Druck, innerhalb institutioneller Strukturen und oft in prekären Verhältnissen. Für viele Künstler:innen aus marginalisierten Kontexten verdichten sich diese Bedingungen zu existenziellen Herausforderungen. Und doch entwickeln sich gerade unter solchen Bedingungen Praktiken, die Unsicherheit produktiv machen: durch Kollaboration, durch offene Prozesse, durch das bewusste Arbeiten mit Unschärfe. Navigieren wird zur Methode.

 

„Navigating Angst“ versteht sich vor diesem Hintergrund nicht als fertiges Programm, sondern als Einladung, sich in diese Gemengelage hineinzubegeben. Die VIENNA ART WEEK setzt nicht auf Auflösung, sondern auf Verdichtung. Sie nimmt die Gegenwart in ihrer Widersprüchlichkeit ernst und lädt dazu ein, sich ihr auszusetzen, ohne sich von ihr überwältigen zu lassen. Vielleicht liegt genau darin eine Form von Orientierung: nicht in der Beruhigung, sondern in der Fähigkeit, Komplexität auszuhalten – und in ihr handlungsfähig zu bleiben.