Alles ganz politisch?
Das Kunstjahr 2026 kündigt sich spannungsgeladen an. Ein Text von Sabine B. Vogel.
Ferdinand Georg Waldmüller, Große Praterlandschaft, 1849 Belvedere, Wien, Photo: Johannes Stoll
Mit gut 5 Millionen Menschen in 53 Städten ist das Ruhrgebiet Deutschlands größtes Ballungszentrum. Aufgereiht entlang des namensgebenden Flusses Ruhr, findet sich hier zugleich die höchste Dichte an Museen, an hervorragenden Fußballvereinen, aber auch eine eklatant hohe Arbeitslosigkeit. Denn die Zechen sind schon lange geschlossen, die Automobilindustrie abgewandert und die Stahlproduktion nachlassend.
Was bleibt sind Industrieruinen, teilweise genutzt für kulturelle Einrichtungen. Vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 findet in diesem polyzentrischen, postindustriellen und schon lange multikulturellen Raum die 16. Manifesta, Europas Wanderbiennale statt. Aber wie kann man diese Bevölkerung für Kunst gewinnen? Dafür wagt die Manifesta einen neuen Weg: In vier Städten werden leerstehende Nachkriegskirchen bespielt. Angesichts der von Blasphemie-Vorwürfen befeuerten Debatte rund um die „Du sollst dir ein Bild machen“-Schau im Künstlerhaus Wien (bis 8.2.2026) kann die Ortswahl zur spannendsten und gewagtesten Veranstaltung 2026 werden.
Essen Markuskirche © Daniel Sadrowski
Ob da die Venedig Biennale noch mithalten kann?
Sicher nicht im Sinne religiöser Glaubensfragen, aber in politischer Hinsicht absolut. Denn obschon die offizielle Eröffnung erst am 9.5. ist, sorgt diese 61. Ausgabe schon jetzt für Schlagzeilen: Der völlig unbekannte Alma Allen wird heuer den US-Pavillon bespielen. Ohne jegliche Erfahrungen mit institutionellen Personalen garantiert diese Wahl wohl die von Trump geforderte Position, US-amerikanische Werte widerzuspiegeln und zu fördern – was für ein Rückschritt! Der Erfolg ist für den Künstler jedenfalls zweischneidig: Seine Galerien strichen ihn gleich aus dem Programm.
Ähnlich erging es gerade auch der Künstlerin, die für den Südafrika-Pavillon gewählt wurde: Die 1983 in Südafrika geborene Gabrielle Goliath war von einer Jury gewählt worden, ihre Performances und Videos zu Femiziden in Südafrika, Genoziden in Namibia und Todesopfern im Gaza-Krieg zu zeigen. Allerdings sollten auch Textzeilen der von israelischen Militärs getöteten, palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada vorkommen – und schon strich der Kulturminister den Beitrag wegen der „polarisierenden politischen Darstellung“. Auf den Vorwurf der Zensur reagierte er mit einem langen, beleidigten Beitrag, in dem er klagte, der Beitrag sei von einem „ausländischen Staat“ – offenbar Katar – finanziert, die solche politischen Statements doch in ihrem eigenen Pavillon positionieren mögen. Scheinbar handelt es sich um kein Sponsoring, sondern eine Ankaufsoption. Auch ihre Galerie jedenfalls distanzierte sich sofort von der Künstlerin.
Eine ähnliche Zensur passierte übrigens letztes Jahr auch im Wiener Belvedere: Wegen einiger Textzeilen eines palästinensischen Autors sollte Rabbya Naseer ihre Personale überarbeiten. Viele Missverständnisse später verarbeitete sie den gesamten Prozess in einem Youtube-Video, die Ausstellung verschwand spurlos aus dem Programm – aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück nach Venedig: Einer der spannendsten Pavillons heuer wird sicher der Österreichische sein, bespielt von der Choreographin und Regisseurin Florentina Holzinger, die berühmt ist für ihre spektakulären und radikalen Theateraufführungen. Sie wird in Venedig mit Performer:innen, Musiker:innen und Stunt-Menschen zusammenarbeiten, um „Seaworld Venice“ aufzuführen – eine Premiere für Holzinger, denn das Stück muss permanent sechs Monate laufen. Oder werden wir nur einen Film sehen?
Florentina Holzinger, Nora-Swantje Almes, Werner Kogler, Gabriele Spindler. Courtesy BMKOES, 2025. Foto:Paul Kulec
Zwar keine Biennale, sondern eigentlich nur eine Kunstmesse wird die Anfang Februar erstmals stattfindende Art Basel Qatar mit ähnlicher Spannung erwartet: Wer wird in das kleine Emirat am Golf anreisen, wer wird bei den 87 Galerien kaufen? Wie stark werden die politischen Krisen von Jemen über Gaza bis Iran die Messe beeinflussen? Kann das Konzept der Ein-Künstler-Präsentation für die Galerien bei den hohen Kosten finanziell aufgehen?
Eines zumindest ist sicher: Im Parallelprogramm der Messe hat Qatar mit großartigen Museen und spektakulären Wüsten-Installationen von Richard Serra bis Olafur Eliasson viel zu bieten – und schlägt mit den neun eigens für die Messe produzierten Installationen ein neues Kapitel auf, das die Grenze zwischen Biennale und Kunstmesse schmelzen lässt.
Doha, Courtesy of Art Basel
Wäre das nicht auch für Wien ein wünschenswertes Konzept? Anstelle der 13 teils entbehrlichen Messen eine einzige, hochkarätige Veranstaltung, die mit Biennale-tauglicher Kunst, vielleicht dazu erstklassigen Antiquitäten beeindruckt? Aber auch das ist eine andere Geschichte.
Bleiben wir bei den Museen: Ganz unbeeindruckt von der weltpolitischen Lage können wir ab Ende Februar im Unteren Belvedere in eine idyllische Welt ganz ohne Krisen und Konflikte inmitten von Ferdinand Georg Waldmüllers Landschaftsbildern entfliehen – denn auch das kann Kunst.
Ferdinand Georg Waldmüller, Große Praterlandschaft, 1849 Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll




