Vienna Art WeekNews
VIENNA ART WEEK 2020 - LIVING RITUALS

Rituale im Wiener Aktionismus

Im Gespräch mit Hubert Klocker, Sammlung Friedrichshof

Hubert Klocker leitet die Sammlung Friedrichshof. Seit 2016 ist der Stadtraum Sammlung Friedrichshof als Mitglied des Art Cluster Vienna Vereins Programmpartner der VIENNA ART WEEK. Im Interview spricht Klocker über die Bedeutung von Ritualen in der Arbeit von Otto Muehl, Hermann Nitsch und dem Wiener Aktionismus im Allgemeinen.

Welche Rolle spielen Rituale im Wiener Aktionismus?
Ich würde sagen, dass Rituale per se im Wiener Aktionismus keine besondere Rolle spielen, wohl aber in der Bearbeitung des Wiener Aktionismus. Neue Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst bedingen auch neue Denkinstrumente um, wie beispielweise in diesem Fall, die in den Vordergrund gerückte Aktion beschreiben und analysieren zu können. Dafür ist der Begriff des „Rituellen“ ein zentrales Denkwerkzeug in der Performance Theory geworden. Die Kunst der Wiener Aktionisten ist nicht mehr und nicht weniger ritualisiert wie das kulturelle Leben generell.

Was war Auslöser des Drangs, sich zur Hochblüte des Aktionismus während der 60er und 70er, künstlerisch mit Ritualen auseinanderzusetzen?
Da muss man differenzieren. Bei Nitsch ist es vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit religiösen Ritualformen. Deshalb auch seine Schwierigkeiten mit der katholischen Kirche, die ja bis zu seiner Kriminalisierung gingen. Bei Brus und Muehl sehe ich keine bedeutende Referenz zum Ritual und auch nicht, wie bei Nitsch, zur Kritik daran. Schwarzkogler wiederum beschäftigte sich wie Nitsch rein phänomenologisch mit dem Religiösen, vor allem auch in Zusammenhang mit therapeutischen Dimensionen in der Religion und Kunst.

Würde der Aktionismus von damals auch heute noch derart für Aufsehen sorgen oder hat sich der Fokus verändert? Was provoziert heute?
Man darf nicht vergessen, dass es sich bei den Aktionisten um die Österreichische Nachkriegsgeneration handelt, um Künstler deren Väter im Krieg umgekommen sind oder Nationalsozialisten waren, um Persönlichkeiten, die als Kinder den Krieg und die Bombardements in Wien erlebt haben. Es ist ein großer Verdienst der Künstler, dass sie entgegen den Verdrängungs- und Behübschungsversuchen im Wiener Kulturleben dieser Zeit, den Finger auf diese historischen Wunden in der Österreichischen Geschichte gelegt haben. Dass das für die Menschen und die Politik provokant war, liegt in der Sache selbst. Außerdem provoziert gute Kunst in der einen oder anderen Form immer.

Welche Bedeutung haben Rituale für die Menschen Ihrer Meinung nach?
Das rituelle Element ist wohl einer der Ursprünge von Kultur überhaupt. Ritualisierung bietet Deutungshoheit und Sicherheit.

Welche Rolle spielen Rituale im Wiener Aktionismus?
Ich würde sagen, daß Rituale per se im Wiener Aktionismus keine besondere Rolle spielen, wohl aber in der Bearbeitung des Wiener Aktionismus. Neue Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst bedingen auch neue Denkinstrumente um, wie beispielweise in diesem Fall, die in den Vordergrund gerückte Aktion beschreiben und analysieren zu können. Dafür ist der Begriff des „Rituellen“ ein zentrales Denkwerkzeug in der Performance Theory geworden. Die Kunst der Wiener Aktionisten ist nicht mehr und nicht weniger ritualisiert wie das kulturelle Leben generell.

Was war Auslöser des Drangs, sich zur Hochblüte des Aktionismus während der 60er und 70er, künstlerisch mit Ritualen auseinanderzusetzen?
Da muss man differenzieren. Bei Nitsch ist es vor allem eine kritische Auseinandersetzung mit religiösen Ritualformen. Deshalb auch seine Schwierigkeiten mit der katholischen Kirche, die ja bis zu seiner Kriminalisierung ging. Bei Brus und Muehl sehe ich keine bedeutende Referenz zum Ritual und auch nicht, wie bei Nitsch, zur Kritik daran. Schwarzkogler wiederum beschäftigte sich wie Nitsch rein phänomenologisch mit dem Religiösen, vor allem auch in Zusammenhang mit therapeutischen Dimensionen in der Religion und Kunst.

Würde der Aktionismus von damals auch heute noch derart für Aufsehen sorgen oder hat sich der Fokus verändert? Was provoziert heute?
Man darf nicht vergessen, daß es sich bei den Aktionisten um die österreichische Nachkriegsgeneration handelt, um Künstler deren Väter im Krieg umgekommen sind oder Nationalsozialisten waren, um Persönlichkeiten die als Kinder den Krieg und die Bombardements in Wien erlebt haben. Es ist ein grosser Verdienst der Künstler, daß sie entgegen den Verdrängungs- und Behübschungsversuchen im Wiener Kulturleben dieser Zeit, den Finger auf diese historischen Wunden in der österreichischen Geschichte gelegt haben. Dass das für die Menschen und die Politik provokant war liegt in der Sache selbst. Ausserdem provoziert gute Kunst in der einen oder anderen Form immer.

Welche Bedeutung haben Rituale für die Menschen Ihrer Meinung nach?
Das rituelle Element ist wohl einer der Ursprünge von Kultur überhaupt. Ritualisierung bietet Deutungshoheit und Sicherheit.

Haben Rituale in der heutigen Zeit an Bedeutung verloren?
Nein – ich glaube nicht, dass Rituale an Bedeutung verloren haben. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Denkens und Handelns. Ich sehe die Aufgabe von Kunst unter anderem darin, leere rituelle Denk- und Handlungsmodelle zu verändern, sie zu dekonstruieren oder zu zerstören, um in der Folge wieder Platz für Neues zu machen.

Inwieweit ist das „Zentrum für politische Schönheit“ von den Aktionisten und Aktionistinnen der 60er und 70er beeinflusst worden? Wo unterscheidet es sich inhaltlich?
Als ich den deutsch-schweizerischen Philosophen und Künstler Philipp Ruch, einem der Mitglieder des ZPS, die Ausstellung vorschlug, kam von ihm die Antwort, dass das ZPS den Friedrichshof als sehr geeigneten Ort für ein solches Projekt fände und ob ich denn nicht wüsste, „dass Otto Muehl einer der Säulenheiligen in ihrem Hause sei“. Muehls künstlerische Radikalität und seine extreme Kritik an der Kunstszene nach 1968 wird heute wieder zunehmend von jüngeren Künstlern weltweit geschätzt. Sie kennen und schätzen sein Werk und auch jenes der Aktionisten insgesamt.

Kann Aktionismus 2020 noch ähnlich funktionieren wie vor 50 Jahren? Welchen Einfluss haben Globalisierung und Digitalisierung der Gesellschaft?
Wenn wir jetzt den Begriff Aktionismus von den Wiener Künstlern abkoppeln und als allgemeinen Begriff für aktivistisches, kritisches und agitatorisches Denken und Handeln verstehen, ist festzuhalten, dass Aktionismus heute genauso wie vor 50 Jahren funktioniert. In diesem Zusammenhang finde ich auch eine der zentralen Motivationen des ZPS, nämlich „Haltung als Handlung“, passend. Große Teile der jüngeren Kunstszene langweilen mich wegen ihrer Angepasstheit an die Marktmechanismen. Aktivismus alleine ist aber auch noch nicht Garantie für faszinierende Kunst, wie man an der vom Markt aus politischen Gründen aufgeblähten Position eines Ai Wei Wei sehen kann.

(Interview: Salomea Krobath)