VIENNA ART WEEK 2026

NAVIGATING ANGST: Welche Rolle können Museen und Kunstinstitutionen heute spielen? – Teil 2

Hinter der VIENNA ART WEEK steht der Trägerverein Art Cluster Vienna, in dem Wiens führende Kunstinstitutionen vertreten sind. Wir haben unsere Mitglieder gefragt: Was verbinden sie mit dem diesjährigen Motto „Navigating Angst“? Hier sind ihre Antworten.

© Katharina Gossow

Architektur ist immer auch ein Navigieren durch Unsicherheit. Sie reagiert auf ökologische, soziale und politische Krisen nicht nur mit Formen, sondern mit Haltungen: Wie wollen wir zusammenleben, wenn vertraute Ordnungen brüchig werden?

Navigating Angst berührt zentrale Fragen unserer Arbeit im Architekturzentrum Wien: Wie wollen wir zusammenleben, wenn vertraute Ordnungen brüchig werden? Angst erscheint hier nicht als Stillstand, sondern als Sensorium — als möglicher Ausgangspunkt für neue Formen des Denkens, Planens und Handelns.

Gerade Architektur kann Räume eröffnen, in denen Komplexität nicht vereinfacht, sondern gemeinsam ausgehalten und produktiv gemacht wird.

 

Photo: Gianmaria Gava / Belvedere, Wien

Kunst bietet keine einfachen Antworten auf die Verunsicherungen unserer Zeit. Sie kann jedoch Räume schaffen, in denen Ängste sichtbar, Widersprüche verhandelbar und neue Perspektiven denkbar werden.

Gerade darin liegt ihre besondere Stärke: Ambivalenzen nicht aufzulösen, sondern sie produktiv werden zu lassen. Ein Museum soll dafür einen offenen Rahmen bieten – für unterschiedliche Erfahrungen und Stimmen ebenso wie für Positionen, die lange an den Rand gedrängt wurden.

Denn in einer Zeit multipler Krisen und Unsicherheiten sind Offenheit und Vielstimmigkeit wesentliche Voraussetzungen für eine lebendige demokratische Gesellschaft und für einen Umgang mit Angst jenseits von Radikalisierung oder Rückzug.

Foto: Luna Winter für C/O Vienna Magazine

Wir leben in einem Zeitalter der Unsicherheit, und die Kunst unserer Zeit spiegelt dies wider. Sie macht auf systemische Lücken und Fehlentwicklungen aufmerksam und fordert uns dazu auf, achtsam und füreinander da zu sein.

Ich sehe unsere Museen als Orte, an denen wir Halt finden können – durch die Begegnung mit Kunst und Künstler*innen und durch die Zeit, die wir uns nehmen; für uns selbst, um mit anderen zusammenzukommen oder um kreativ zu werden.

© KunstHausWien, Foto: Sabine Hauswirth

Wälder ohne Vogelstimmen. Flüsse ohne Wasser. Ernten, die verdorren. Die ökologische Krise macht vielen Menschen Angst.

Kunst rettet die Welt nicht – sie bietet Orientierung, wenn Gewissheiten ins Wanken geraten. Sie eröffnet Räume für neue Vorstellungen von Zukunft und begreift Hoffnung als kulturelle Gestaltungskraft.

Navigating Angst bedeutet für das KunstHausWien, den Blick auf Mögliches zu richten – auf jenes Potenzial für Wachstum und Erneuerung, das im Zentrum unserer Ausstellung Seeds steht.

© Ouriel Morgensztern

Mit ihren reichhaltigen Beständen historischer und zeitgenössischer Kunstproduktion sind Museen als Orte des Diskurses ideale Schauplätze für die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen, im Spannungsbogen zwischen Mut und Angst, Depression und Euphorie.

Obwohl Angst als schlechter Ratgeber eingestuft wird, bestimmen häufig Urängste unser (Über-)Leben. Gerade in Krisenzeiten gilt es diesen Ängsten entgegenzuwirken.

Museen als Orte der Reflexion über diese und andere komplexe Themenbereiche stärken die Resilienz im Umgang mit diesen Herausforderungen.

© Martin Hörmandinger

Ad. Angst navigieren: Da Kunst Dialog ist und ihre Wahrnehmung Reflexion, Adaption, Kritik, Verriss und Widerstand anzustoßen vermag, scheint sie mir gangbare Wege zu öffnen, um weniger die Angst selbst als vielmehr mit ihr durch das aktuelle Unbehagen zu navigieren.

Foto: Mafalda Rakoš

Angst verschwindet nicht einfach – aber man kann lernen, mit ihr zu arbeiten. Kunst hilft dabei, Gewohntes zu hinterfragen und neue Blickwinkel einzunehmen.

Unsere Institution versteht sich als Ort, an dem Unsicherheit nicht stört, sondern produktiv eingesetzt wird. Navigating Angst heißt für uns: Fragen stellen, Perspektiven verschieben – und im Unklaren gemeinsam klüger werden.