Streik, Rücktritte, dramatische Inszenierungen – und Nackte im Österreich Pavillon. 61. Biennale Venedig
Von leisen Tönen keine Spur: Zwischen Protesten und spektakulären Inszenierungen zeigt sich die älteste und größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst politisch und aufgeladen wie selten zuvor. Ein Text von Sabine B. Vogel.
Florentina Holzinger, Opening Etude, Seaworld Venice, 2026. Copyright Helena Manhartsberger
27.935 Besucher:innen in der Eröffnungswoche, darunter 3733 akkreditierte Journalist:innen. Endlose Menschenschlangen im strömenden Regen. Proteste im Arsenale gegen den Israel Pavillon, im Stadtraum gegen den Russland Pavillon. Geschlossene Pavillons wegen Israel und Russland – wenn Kunst ein Zeitbarometer ist, dann stellt die 61. Biennale Venedig heuer alle Zeichen auf Zuspitzungen. Denn sogar die Goldenen Löwen, die Auszeichnungen für Pavillons und Einzelkünstler:innen, bleiben nicht verschont.
Gemeinsame Proteste von FEMEN und Pussy Riot vor dem Russischen Pavillon in den Giardini © Instagram Account femen_official
Zunächst beschloss die Jury, Israel und Russland nicht für die Preise zu berücksichtigen, also keine Länder, deren politische Führung vom internationalen Strafgerichtshof wegen schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden. Daraufhin drohte der Künstler des Israel Pavillons mit einer Klage vor dem European Court of Human Rights. Die Leitung der Biennale Foundation bot der Jury keine Unterstützung, nur die Information, sie können bei einem Rechtsstreit „persönlich haftbar“ gemacht werden. So trat die gesamte Jury zurück.
Keine Löwen? Doch, zwei „Leoni dei Visitatori“, also „Besucher:innen-Löwen“, sollen am 22. November, dem letzten Tag der Biennale, durch Publikumsabstimmung an den besten Beitrag der Hauptausstellung und besten National Pavillon vergeben werden. Am 9. Mai erklärten dann rund 100 Künstler:innen der Hauptausstellung (u.a. Alfredo Jaar, Michael Joo, Walid Raad, Laurie Anderson) und mehr als 20 National Pavillons (u.a. Belgien, Luxemburg, Frankreich, Schweiz) aus Solidarität mit der resignierten Jury, von den Preisen nicht berücksichtigt werden zu wollen. In ihrer Erklärung schreiben sie von einem „populistischen Ersatzmodell“ und einer „Entpolitisierung der Krise“.
Ein selten ruhiger Moment am Canale Grande © T. Nickl
Aber nicht nur mit diesen Ereignissen ist die 61. Biennale Venedig ungewöhnlich. Auch viele Pavillons setzen auf dramatische Inszenierungen. Matías Duville verwandelt den Argentinien Pavillon im Arsenale in eine Salzwüste: Der Boden des stark verdunkelten Raums ist mit weißem Salz bedeckt. Darauf sind mit schwarzem Kohlstaub Zeichnungen von Autos, Straßen oder Berge wie verwischte Spuren aufgetragen. Es wirkt wie eine apokalyptische Landschaft, eine Welt ökologischer Krisen und starker Gegensätze.
Matias Duville, Monitor Yin Yang. Argentinien Pavillon. Foto: Giacomo Bianco
Nebenan ist Dana Awartanis abgedunkelter, mit Punktstrahlern ausgeleuchteter Saudi Arabien Pavillon wie eine archäologische Stätte angelegt: Ornament-Fragmente aus 23 Kulturerbe-Stätten in Palästina, Syrien, Libanon erinnern daran, wie viele Moscheen, Paläste, Karawansereien, Nekropolen oder Kirchen in den letzten Jahren zerstört wurden. Handwerk wird als Speicher von Wissen und Geschichte präsentiert.
Dana Awartani, May your tears never dry, you who weep over stones. Foto mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der Kommission für Bildende Künste, Beauftragte des Nationalpavillons von Saudi-Arabien
Im dramatischen Halbdunkel tasten wir uns auch durch den Mexiko Pavillon, wo das Künstlerduo RojoNegro mit Salz gefüllte Tonschalen auf dem Boden in Form der Buchstaben U aneinanderreiht –„Symbole für Sprache“, wird erklärt. Darauf verteilt erkennt man an meso-amerikanische Kulturen erinnernde Gefäße, viele in Form von Vögeln; darüber schweben zwei Leinwände mit Projektionen eines sehr expressiven Ausdruckstanzes.
Wie im Peru Pavillon mit Sara Flores‘ Textilien voller indigener Muster und im Marokko Pavillon mit Amina Agueznay Webereien dient oft Rituelles, kollektive Erinnerung bzw. das Wissen der Ahnen als zentrale Referenz so vieler Pavillons. Und wie in Ägypten (Armen Agop) oder auch Kanada (Abbas Akhavan) sollen die Besucher:innen in einer spirituellen Umgebung zur Ruhe finden.
Wie anders dagegen Florentina Holzinger im Österreich Pavillon! Koyo Kouoh, die tragischerweise letztes Jahr unerwartet verstorbene Kuratorin der zentralen Ausstellung, gab das Gesamtthema „In Minor Keys“, also in etwa „In leisen Tönen“ vor – was Florentina Holzinger herrlich ignoriert.
Der 1934 für andächtig zu betrachtende Kunst gebaute Österreich Pavillon ist jetzt zum Theater für nackte Akrobatinnen geworden. Das große Tor ist verschlossen und wird erst um 11:00 geöffnet, dann dürfen die wartenden Zuschauer hineinströmen. Die Räume sind mit Wasser geflutet, hier wird eine Szene nach der anderen nach einem additiven Skript aufgeführt: Eine Akteurin führt mit einem Jetski im Kreis, andere klettern an einer mit Bronzeabgüssen der Akteure dekorierten Wetterfahne hinauf und wieder hinunter; im kleinen hinteren Raum verbiegt sich später eine in Yoga-Positionen, in der Mitte harrt eine in einem Wassertank stundenlang nahezu reglos aus. Daneben stehen zwei Dixie-Clos, die angeblich den Tank mit geklärtem Urin füllen – guter Schmäh! Im rechten hinteren Raum spritzt ab und an braunes Wasser an die Scheibe. Vor dem Pavillon trägt ein Kran die Glocke mit einem menschlichen Körper als Klöppel.
Es erinnert an die mittelalterliche Höllenbildsprache von Hieronymos Bosch oder Pieter Bruegel – welch dramatischer Kontrast zu den stillen Beiträgen rundherum zu Ahnen-Wissen. Aber halt! Der Pressetext findet doch noch eine Nähe zum Generalthema: „Als Reaktion auf das diesjährige Biennale-Thema In Minor Keys arbeitet SEAWORLD VENICE mit dem Unreinen, um die Hochglanzspektakel von Macht und Fortschritt zu unterlaufen.
Durch die direkte Konfrontation von Körper und Maschine durchbricht Holzinger ästhetisch „perfekte“ Oberflächen und legt die rohen, ungeschönten Realitäten gesellschaftlicher und ökologischer Krisen offen – Wahrheiten, die in institutionellen Erzählungen oft geglättet werden. In diesen „Molltonarten“ wird der Pavillon zu einem Ort radikalen feministischen Widerstands, an dem der Körper neu angeeignet wird, um Hierarchien zu überwinden und Selbstbestimmung in einer kollabierenden Welt zu behaupten.“ Welche Wahrheiten, welche Erzählungen, welcher Widerstand? Egal, das Publikum liebt es. An der Rückweisung des Publikums-Löwen beteiligt sich Österreich übrigens nicht.
BIENNALE DI VENEZIA 2026
In Minor Keys
Noch bis 22.11.2026





