VERANSTALTUNGSSPRACHE: DEUTSCH / ENGLISCH
Angst schreibt Geschichte
Emotion am Werk
Wer hat Angst vor der Angst
Fear arises when deeply historical experience suddenly reemerges, and
becomes alive as a possible version of the present.
Das Jahresprogramm 2025 von flat1 setzte sich mit der Rolle von Angst in der heutigen Gesellschaft auseinander.
Wir postulieren: Geschichte wird nicht von Menschen, sondern von deren Emotionen geschrieben. Ausgehend von der historischen Entwicklung kollektiver Gefühle, wie sie von Emotionshistoriker:innen und Soziolog:innen analysiert wurden, wird die Frage gestellt: Wie beeinflussen gesellschaftsübergreifende Gefühle unser kollektives und individuelles Verhalten, besonders in Zeiten großer Unsicherheit?
Vom Menschen kreierte Systeme lassen sich maßgeblich und sehr einfach von menschlichen Emotionen beeinflussen — oft viel mehr als beabsichtigt. Dass gerade auch jene Gefühle, die sich kaum an der Realität orientieren gravierende Folgen nach sich ziehen können, zeigt zum Beispiel das Phänomen des „Schwarzen Freitag“. Dieser fasziniert vor allem dadurch, dass das ursprüngliche Problem aus heutiger Sicht minimal erscheint und in keinem Verhältnis zur emotionalen Reaktion der Bevölkerung steht. Genau diese Überreaktion machte es aber erst zu dem folgeschweren schwarzen Freitag, der uns heute bekannt ist.
William James verortet die weitgehend unterschätzte Bedeutung von Gefühl und historischer Erfahrung vor allem in allen Formen der Erinnerung. Der Mensch inszeniert sich zwar gern als vorwiegend rationales Wesen – die Ereignisse der Vergangenheit sprechen dann aber eine andere Sprache.
Die Äußerung eines Gefühls verändert in William Reddys Sicht jedoch nicht nur die innere Realität dessen, der empfindet, sondern ruft geradezu zwangsläufig eine Gefühls-Reaktion der anderen hervor. Man könnte also auch sagen: Jede Gefühlsäußerung tut etwas
mit der inneren und/oder äußeren Welt.*
*Bettina Hitzer-Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen
Unsere Gefühlswelt wird also häufig und auch in weniger jahrhundertdefinierenden Gegebenheiten viel direkter in eine äußere Welt übersetzt, als wir ihr zugestehen. Es ist vielleicht intuitiv leicht verständlich, aber trotzdem die Artikulation wert: Gefühlsäußerungen bilden ein Netzwerk und interagieren.
Konsequent weitergedacht lässt sich der schwerwiegende Verdacht äußern, dass dem Menschen seine eigene Geschichtsschreibung entgleitet, indem er sich rückblickend als rationaler darstellt als er eigentlich ist. Es stellt sich die Frage, ob nicht in der Vergangenheit in Wirklichkeit Ängste für uns Menschen Entscheidungen getroffen haben, oder, weiter gefasst, haben wir Menschen nicht viel mehr auf eine vorgegebene Emotionslandschaft reagiert, als uns lieb ist?
Die Arbeiten von Emotionshistorikern wie Carol Z. Stearns, Peter N. Stearns und Arlie Hochschild bieten eine theoretische Grundlage für derartige Überlegungen. Die „Emotionology“ beschreibt das Wechselspiel zwischen Gefühlsnormen und tatsächlichen Gefühlen. Gefühle wie Angst werden durch gesellschaftliche Regeln geformt und verstärkt, und wirken sich ihrerseits auf soziale und politische Entscheidungen aus.
Auch Forscher wie Jan Plamper (History of Emotions) und Barbara H. Rosenwein (Emotional Communities) bieten wichtige analytische Grundlagen. Plamper etwa beschreibt, dass „Emotionen historische Entitäten sind, geformt und transformiert durch soziale, kulturelle und politische Kräfte“ (Plamper, 2015). Damit sind Emotionen zusätzlich noch keine festen Größen, sondern ändern sich im historischen Kontext. Rosenwein betont die Rolle von „emotional communities“, in denen „gemeinsame emotionale Ausdrucksweisen und Normen“ das soziale Gefüge bestimmen (Rosenwein, 2006).
Letztlich geht es in diesem kuratorischen Konzept also um eine künstlerische Umsetzung der Frage: Wäre es akkurater, anstatt von der Geschichte der Menschheit von einer Geschichte der Emotionen zu reden? Und wie könnte, beziehungsweise sollte, man einer (zu) starken Emotionalisierung entgegentreten?
Das Jahresprogramm zu der Emotion ANGST zielt nicht nur darauf ab, ein künstlerisches Bild der Angst in der modernen Gesellschaft zu zeichnen. Es soll die Komplexität dieser Emotion erforschen, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene und aufzeigen, wie gesellschaftliche Gefühlsnormen und individuelle Gefühle miteinander interagieren. Gleichzeitig sollen die Mechanismen sichtbar gemacht werden, durch die Angst gesellschaftliche Radikalisierung und Konflikte befeuert.
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Curatorial Concept
Fear Writes History
Emotion at Work
Who’s Afraid of Fear?
Fear arises when deeply historical experience suddenly re-emerges, and
comes to life as a possible version of the present.
flat1’s 2025 annual programme explored the role of fear in contemporary society.
We postulate: history is not written by people, but by their emotions. Drawing on the historical development of collective emotions, as analysed by historians of emotion and sociologists, we ask: how do cross-societal emotions influence our collective and individual behaviour, particularly in times of great uncertainty?
Systems created by humans can be significantly and very easily influenced by human emotions — often far more than intended. The phenomenon of ‘Black Friday’, for example, demonstrates that it is precisely those feelings that are scarcely grounded in reality that can have serious consequences. What makes this particularly fascinating is that, from today’s perspective, the original problem appears minimal and is out of all proportion to the emotional reaction of the population. Yet it was precisely this overreaction that turned it into the fateful Black Friday we know today.
William James locates the largely underestimated significance of emotion and historical experience primarily in all forms of memory.
Although humans like to portray themselves as predominantly rational beings, the events of the past tell a different story.
In William Reddy’s view, however, the expression of a feeling not only alters the inner reality of the person experiencing it, but also inevitably elicits an emotional response from others. One could therefore also say: every expression of emotion has an effect
on the inner and/or outer world.*
*Bettina Hitzer – History of Emotions: A Beginning with Consequences
Our emotional world is thus frequently, and even in circumstances less defining of an era, translated into the external world much more directly than we give it credit for. It may be intuitively easy to grasp, but is nonetheless worth articulating: expressions of emotion form a network and interact.
Taking this line of thought further, one might raise the serious suspicion that human beings are losing control of their own historiography by portraying themselves retrospectively as more rational than they actually are. The question arises as to whether, in reality, fears made decisions for us humans in the past, or, more broadly, whether we humans have reacted far more to a predetermined emotional landscape than we would like to admit?
The work of historians of emotion such as Carol Z. Stearns, Peter N. Stearns and Arlie Hochschild provides a theoretical basis for such considerations. ‘
‘Emotionology’ describes the interplay between emotional norms and actual feelings. Feelings such as fear are shaped and reinforced by social norms, and in turn influence social and political decisions.
Researchers such as Jan Plamper (History of Emotions) and Barbara H. Rosenwein (Emotional Communities) also provide important analytical foundations. Plamper, for instance, describes how “emotions are historical entities, shaped and transformed by social, cultural and political forces” (Plamper, 2015). Consequently, emotions are not fixed quantities, but change within a historical context. Rosenwein emphasises the role of ‘emotional communities’, in which ‘shared emotional expressions and norms’ determine the social fabric (Rosenwein, 2006).
Ultimately, this curatorial concept is therefore an artistic exploration of the question: Would it be more accurate to speak of a history of emotions rather than a history of humanity? And how could, or rather should, one counteract (excessive) emotionalisation?
The annual programme on the emotion of FEAR is not merely intended to paint an artistic picture of fear in modern society. It aims to explore the complexity of this emotion, both on an individual and a collective level, and to highlight how societal emotional norms and individual feelings interact. At the same time, it seeks to shed light on the mechanisms through which fear fuels social radicalisation and conflict.
Nita Tandon, Sula Zimmerberger, Karin Maria Pfeifer
flat1_artspace
Seit 2009 zeigt flat1_artspace thematische Gruppenausstellungen. Interdisziplinäres in Richtung Performances bildet ein Zusatzprogramm. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung des Austauschs zwischen inter/nationalen Künstlerinnen und Künstlern und das Schaffen von Netzwerken. Das Programm wird von den bildenden Künstlerinnen Karin Maria Pfeifer und Sula Zimmerberger gestaltet, die durch ihre kuratorische Tätigkeit das Spektrum ihres künstlerischen Tuns erweitern.
Eröffnung: ‚Fear Writes History‘
10 Nov 2026/19:00-22:00H
flat1_artspace
Radetzkystraße 4, 1030 Wien, Österreich
flat1_artspace, Links: Karin Maria Pfeifer. Rechts: Sula Zimmerberger