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Nicoleta Auersperg

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In Kooperation mit studio das weisse haus.

Nicoleta Auersperg, Einbein, 2019, Project Space Festival Berlin

Wir trafen Nicoleta Auersperg in ihrem Atelier, das an den artist-run Space GOMO angrenzt. Bei einem Tee sitzend haben wir uns über ihre aktuelle Arbeit unterhalten, zentrale Themen ihrer Arbeitsweise und kommende Projekte.

Tee trinken, erklärt Auersperg, ist ihr tägliches Ritual im Atelier – sich für ein paar Minuten hinzusetzen, Tee zu trinken und einen kurzen Plan für den Tag zu machen. Das ermöglicht ihr, vom Alltag – der von administrativen und organisatorischen Aufgaben geprägt ist – auf das Atelierleben umzuschalten.

An unserem Tee nippend werfen wir zunächst einen Blick auf die Arbeit, die Auersperg während dem ersten Lockdown Anfang des Jahres in Berlin realisiert hat. Die Arbeit mit dem Titel „Leave to Rise“ hat Auersperg auch im Rahmen des ihres digitalen Open Studio Day-Talks der Vienna Art Week 2020 besprochen. Sie basiert auf einem sozialen Phänomen, das Auersperg während des Lockdowns beobachtet hat: dem Brotbacken. Die Menschen um sie herum, in den sozialen Medien und sogar Auersperg selbst, so schien es, begannen Brot zu backen – selbst wenn sie es zuvor noch nie getan haben.

Über diese plötzliche Verschiebung in den Alltagsroutinen nachdenkend, führt Auersperg aus: „Wenn einem die Arbeit genommen wird, ist es etwas, das einem ein Gefühl von Produktivität gibt – und es ist auch etwas, das man teilen kann: mit anderen zum Essen, aber auch auf Instagram. Das hat etwas mit sozialer Erfüllung zu tun.“

Nicoleta Auersperg, Leave to Rise, 2020

Eine Übersetzung von Material und Prozess findet in „Leave to Rise“ durch die Interaktion zwischen Gips und Flechtwerk statt. Auersperg benutzt Gips, um die Basis der Skulpturen zu schaffen – runde Formen in verschiedenen Formen und Größen, die an Teiggärungskörbe erinnern sollen, wie man sie für die verschiedenen Brotsorten verwendet. Die ringförmige Textur, die für die Körbe charakteristisch ist, wird im Gips an den Außenseiten wiedergegeben; an der Oberseite jedoch nimmt das Objekt eine eher teigartige Qualität an – glatt und unvollkommen wie ungebackenes Brot. Aus dieser teigigen Oberfläche ragen einzelne Stränge aus Weidengeflecht empor, deren Spitzen mit der Farbe des Gipsbodens übereinstimmen, aus dem sie aufsteigen. Die Arbeit war Teil einer öffentlichen Skulpturenstraße, ausgestellt auf dem Boden vor dem Columbia-Theater in Berlin – die Form des Gebäudes verstärkte die der Körbe. Um den Eingang des Gebäudes platziert, erinnerten die Objekte an Topfpflanzen. Diese Assoziation schwingt mit, als wir im Atelier sitzen, wo eines der Stücke aus „Leave to Rise“ neben unseren Teetassen und einer Schale mit Obst steht. Und, wie Auersperg betont, ist es ein weiterer Verweis auf Prozesse des Entstehens, des Wachstums.

Es gibt einige Aspekte in dieser Arbeit, die als sinnbildlich für Auerspergs künstlerische Praxis im weiteren Sinne angesehen werden können. Insbesondere die Konzentration auf stoffliche Prozesse, Formübertragungen und architektonische Entsprechungen. In einer Reihe ihrer Arbeiten manifestieren sich Prozesse als Potenzial – als mögliche Interaktionen, Reaktionen und Transformationen, die Materialien ausführen könnten. Das wird beispielsweise visualisiert durch das Nebeneinanderstellen von Gips und Wasser in Plastikbeuteln, die sich nicht berühren können. Die Künstlerin führt aus: „Im Allgemeinen ist meine Arbeit prozessorientiert – es geht um den Prozess innerhalb der Materialien. Ich nenne es manchmal Potenziale, oder was sie zu tun oder zu leisten imstande sind. In vielen Arbeiten versuche ich, diesen Prozess in statischen Objekten einzufrieren.“

Nicoleta Auerperg, Einbein

Wie bei „Leave to Rise“ werden diese Prozesse bisweilen nicht nur durch physische, sondern auch durch soziale Reaktionen katalysiert. In einer weiteren öffentlichen Installation, „Einbein“ (2019), im Rahmen des Berlin Project Space Festivals, wurden Auerspergs Stahlskulpturen im Freien platziert, Zuschauer konnten auf ihnen während einer Leseperformance sitzen. Die geschweißten Stahlobjekte wurden mit nach oben zeigenden Stäben auf ihre kreisförmigen Sockel gestellt und forderten das Publikum auf, sie umzudrehen, um darauf Platz zu nehmen – so wurden sie zu einbeinigen Hockern. Die Stahlscheiben tragen Hitzespuren, die den Schweißprozess verraten, während ihre Struktur auf die Funktionalität von Melkschemeln anspielt, die das Gleichgewicht in der Hocke erleichtern. Das Gleichgewicht, erklärt Auersperg, spiele auch in ihrer Praxis eine wichtige Rolle.

Im Kontext dieser interaktiven Skulpturen ist das Gleichgewicht – das ein Gefühl der Fragilität verkörpert – eine Antwort auf eine besondere Unsicherheit im öffentlichen Raum. Die Spitzen, die im Ruhezustand der Objekte nach oben zeigen, erinnern an Verteidigungsarchitektur im urbanen Raum. Ein allgegenwärtiges Phänomen, das die Menschen daran hindern soll, im öffentlichen Raum Zuflucht oder Ruhe zu finden, und welches eine feindliche Umgebung schafft. Es ist eine Ablehnung von Körpern, von Weichheit, die uns unweigerlich formt. Für Auersperg stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen: „Irgendwie werden wir durch den öffentlichen Raum geformt. Was ist unser Potenzial, subversiv zu sein?“

In „Einbein“ wird dieser Gedanke der gesellschaftlichen Formung noch mit einem weiteren Formungsprozess verknüpft. In der Beziehung zwischen der abgerundeten Form und dem langen Stab materialisiert die Form der Objekte eine Assoziation mit der Glasbläserei – eine andere Art der Formgebung, die in Auerspergs Praxis prominent ist. Wie Auersperg betont, gibt es bei Glas als angewandter Kunst immer auch einen funktionalen Aspekt. Und auch für sie spielt die Frage der Funktionalität eine zentrale Rolle. Man könnte dies sogar als ein weiteres Moment der Subversion betrachten, das in ihrer Arbeit auftaucht – wie bei den Stahlobjekten, die in einer Position einen Platz zum Sitzen anbieten und in einer anderen als Abschreckung dagegenwirken.

Nicoleta Auersperg, Hot to the Touch Foto: Peter Mochi

In ähnlicher Weise evozieren Auerspergs „Squatters“ – bauchige Objekte aus mundgeblasenem Glas, die auf mehrfarbigen, aus der Wand ragenden Stahlplattformen befestigt sind – ein unerfülltes Funktionspotenzial. Die Glasobjekte nehmen eine spielerische Dimension an, sind gefäßartig, erinnern an Gläser, Vasen oder Lampen, sind aber destabilisiert, unregelmäßig geformt, scheinen zu hängen oder von ihren Stangen herunterzurutschen. Auch ihre Kanten sind rau belassen, da Auersperg auf eine glatte Oberfläche verzichtet, um die Objekte weiter von ihren funktionalen Möglichkeiten zu entfernen.

Auf einer thematischen Ebene kommen in Auerspergs Praxis auch Fragen nach Arbeit, Arbeit, Produktion und Produktivität ins Spiel – welche Art von Arbeit wird anerkannt und wie. Ein Thema, das natürlich nicht nur durch die Pandemie, sondern auch durch den Wandel der Arbeit im digitalen Zeitalter an Relevanz gewonnen hat.

Auf die Frage, woran sie gerade arbeitet, deutet Auersperg auf einen Holzstuhl in der Ecke des Raumes. Dieser Stuhl ist nicht unbedingt ihr Thema, aber seine Form ähnelt den Bugholzstühlen mit handgeflochtenen Geflechtsitzen, die die Firma Thonet ab dem späten 19. Jahrhundert in großem Stil hergestellt hat. Angeregt vom Herstellungsprozess der Materialien, bei dem Buchenholz gedämpft und gebogen wird, beobachtet Auersperg, dass solche Stühle heute weggeworfen werden. Wie Auersperg erklärt, werden die Kosten für die Reparatur des Flechtwerks von vielen als zu hoch angesehen – vor allem, wenn man bedenkt, dass es andere Möglichkeiten gibt. Für Auersperg verdeutlicht die aktuelle relativen Wertlosigkeit dieser Stühle die Auswirkungen der Globalisierung sowie der Digitalisierung und deren Rolle bei der Transformation des Arbeitslebens und insbesondere in den Bereichen, die als wichtig erachtet werden – und daher Anerkennung, das heißt Entlohnung für ihre Arbeit erhalten. In ihrem neuesten Projekt setzt die Künstlerin ihre Arbeit mit Weidengeflecht und seinen materiellen Prozessen fort und reflektiert gleichzeitig die sich wandelnden Vorstellungen von Arbeit und deren Wertschätzung.

Neben ihrer Atelierarbeit organisiert Auersperg zusammen mit Mara Novak, Dorothea Trappel und Marit Wolters das Kollektiv GOMO, das im Februar eine Gruppenausstellung in Düsseldorf plant Die beiden Formen der Arbeit, im Atelier und im Raum, bedürfen natürlich einer eigenen Balance – parallele Prozesse des Verflüssigens, Formens und Formfindens, des fließenden Hin– und Hergleitens.

Julianne Cordray

Nicoleta Auersperg, Die Sichernde und die Hängende
Nicoleta Auersperg, Reifenstäbe Gips und Wasser
Nicoleta Auersperg, Leave to Rise
Nicoleta Auersperg, Hot to the Touch Foto: Peter Mochi
Nicoleta Auersperg, Hot to the Touch Foto: Peter Mochi