Die Probe, eine Duoausstellung von Virginie Bailly und Willem Boel, findet im Rahmen von„Navigating Angst“ der Vienna Art Week statt – einem Thema, das sich damit auseinandersetzt, wie Kunst uns helfen kann, uns einer Welt zu stellen, die von tiefgreifender Unsicherheit, ökologischer Krise und politischer Angst geprägt ist, ohne dabei notwendigerweise einfache Lösungen anzubieten.
Für Bailly und Boel ist es gerade das Verlangen nach einfachen Lösungen, das hinterfragt werden muss. In einer Realität, die zunehmend von Polarisierung, Beschleunigung und kurzfristigem Denken geprägt ist, wird Komplexität leicht auf etwas Überschaubares reduziert: ein einzelnes Bild, eine Meinung, eine Antwort. Ihre Arbeit bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Anstatt das Blickfeld einzugrenzen, versuchen beide Künstler:innen, es offen zu halten.
Der Titel Die Probe – die Probe, der Versuch, der Test – verkörpert diese Haltung. Eine Probe ist kein Abschluss. Sie ist ein vorübergehender Zustand, in dem etwas ausprobiert, überdacht, verändert oderaufgegeben werden kann. Scheitern und Ungewissheit sind keine Unterbrechungen des Prozesses, sondern notwendige Bestandteile davon. In diesem Sinne schlägt Die Probe eine künstlerische Haltung vor, die das Nichtwissen als produktiven Zustand annimmt.
Diese Spannung zwischen Einfachheit und Komplexität verbindet beide Praktiken. Weder Bailly noch Boel versuchen, die Ängste der Gegenwart in erkennbare Bilder oder einzelne Probleme zu übersetzen, die anschließend gelöst werden könnten. Stattdessen widersetzen sich ihre Werke dem Druck, zu schnell zu einer Antwort zu gelangen. Sie schaffen Situationen, in denen unterschiedliche Perspektiven, Widersprüche und Unsicherheiten gleichzeitig präsent bleiben können.
Im Rahmen von „Navigating Angst“ gewinnt diese Weigerung an Bedeutung. Navigieren bedeutet nicht unbedingt, genau zu wissen, wohin man geht. Es kann auch bedeuten, zu lernen, sich durch Unsicherheit zu bewegen und dabei aufmerksam zu bleiben für das, was auf dem Weg auftaucht. Kunst ist aus dieser Perspektive weniger ein Werkzeug zur Bewältigung von Angst als vielmehr ein Raum, in dem unsere Beziehung zur Unsicherheit neu überdacht werden kann.
Die Probe schlägt daher Offenheit als Gegengewicht zur Angst vor. Gegen das kurzfristige Denken führt sie Dauer und Wiederholung ein. Gegen die Verengung der Perspektive bietet sie Vielfalt. Gegen die Forderung nach sofortiger Klarheit lässt sie Mehrdeutigkeit, Neugier und Staunen zu.
Die Ausstellung bietet keine Landkarte, die aus der Ungewissheit herausführt. Stattdessen laden Bailly und Boel uns ein, eine Weile in ihr zu verweilen: zu proben, zu überdenken, noch einmal hinzuschauen – und vielleicht zu entdecken, dass ein offener Geist an sich schon eine Art der Orientierung ist.
Kunstraum am Schauplatz
Der «Kunstraum am Schauplatz» befindet sich in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Pferdestallung im 2. Wiener Gemeindebezirk. Er wurde 2008 gegründet und wird seither unter Leitung von Lukas Willmann geführt.
Profil und Selbstverständnis des Kunstraums ist das Agieren als Project Space mit der Beauftragung der Ausstellungskonzeption und Formaterstellung durch wechselnde, freie Kurator:innen.
Einen Schwerpunkt bildet die Präsentation von Mid—Career-Artists: in einem ausgewogenen Verhältnis werden dabei nationale und internationale Kurator:innnen und Künstler:innen eingeladen. Weiters liegt das Engagement in der Zusammenarbeit mit anderen institutionellen Ausstellungsorten, mit dem Interesse auf einer internationalen Ausrichtung.
Eröffnung: ‚Virginie Bailly / Willem Boel: Die Probe‘, kuratiert von Roxane Baeyens
8 Nov 2026/19:00-21:30H
Kunstraum am Schauplatz
Praterstraße 42/2 hof, 1020 Wien, Österreich