Die Poetologie der weiblichen Figur – Elisabeth von Samsonow über ihre kommende Personale in der Heidi Horten Collection
Im September startet die große Soloausstellung einer künstlerisch-philosophischen Position, die sich jenseits enger disziplinärer Zuordnungen entfaltet. Sabine B. Vogel hat vorab mit der Künstlerin gesprochen.
Portrait Elisabeth von Samsonow © Elisabeth von Samsonow
Bisher waren die Ausstellungen in der Heidi Horten Collection auf das Engste mit der Sammlung der Namensgeberin verbunden. 2022 als Privatmuseum eröffnet, fanden hier meist thematische Gruppenausstellungen statt. Das Programm der neuen, seit November 2025 amtierenden Direktorin Verena Kaspar-Eisert dagegen beginnt jetzt mit einer Personale.
Sechs Monate lang wird Elisabeth von Samsonow die oberen beiden Stockwerke bespielen – es sei ihre erste Überblicksausstellung überhaupt, verrät die 1956 in Bayern geborene Künstlerin. In Wien war Samsonow jahrelang vor allem als Theoretikerin bekannt, seit sie 1996 den Lehrstuhl für Sakrale Kunst an der Akademie am Schillerplatz übernahm, der 2000 in die Professur für Philosophische und Historische Anthropologie der Kunst umgewidmet wurde.
Elisabeth von Samsonow, Performance "Peripatos im Löss", 2025. Foto: Maresa Jung
Sabine B. Vogel (SBV): Wie kamst du als Künstlerin zur Professur für Philosophie?
Elisabeth von Samsonow (EvS): Ich habe Philosophie studiert, promoviert und publiziert. Damals gab es an der Akademie noch keine einzige weibliche Klassenleiterin. Gesucht wurde eine Theoretikerin. Peter Sloterdijk als Vorsitzender der Berufungskommission riet mir eindringlich, auf keinen Fall zu sagen, dass ich Künstlerin sei. Einige Jahre habe ich dann weiter in Deutschland, aber fast nie in Wien ausgestellt. Später ließ sich die Kunst gut mit meiner Philosophielehre und den Forschungslinien verbinden.
SBV: Du hast dich in deinen philosophischen Überlegungen und auch in deiner Kunst viel mit Natur, Erde, Geschlechterverhältnissen und Anthropologie beschäftigt – wird deine Retrospektive in diesem Sinn thematisch angelegt sein?
EvS: Es wird Kapitel mit roten Fäden geben, die zu diesen Themen angelegt sind, aber es wird auch die Verbindung zwischen Kunst und Philosophie betont. Ich war in den 1970ern Malerin, im mittleren Stockwerk wird das in „The beginning of practise“ zu sehen sein. Danach folgt das Kapitel mit den Skulpturen aus Lindenholz.
Elisabeth von Samsonow, GEO PSYCHE - Die drei Adlerküken der Brut 2026 werden von den unterirdischen Wassern begrüsst und gesegnet, Tempera auf Jute, 150x200, 2026. Foto Simon Veres
SBV: Beginnt damit auch dein zentrales Thema der Göttinnen, für das du in den letzten Jahren bekannt wurdest? Wie kamst du zu diesem Fokus?
EvS: Das Thema erhält den gesamten oberen Stock. 2018 haben wir als Gruppe von Archäologinnen, Soziologinnen, Philosophinnen das Forschungsprojekt „Contemporary Prehistories. The Dissident Goddesses Network“ eingereicht, das dann bis 2022 lief. Dabei ging es um die hypothetische Idee bzw. Frage, ob historische Frauenfiguren wie die Venus von Willendorf eine Bedeutung für die Rolle von Frauen haben. Die Forschung haben wir dann 2020 im niederösterreichischen Pulkautal als „Land der Göttinnen“ mit einem Kunst- und Forschungsareal verankert.
SBV: Wie hat sich das in deiner Kunst ausgeprägt?
EvS: Ich habe bald begonnen, Karten von dem Land zu malen – Anfangs aquarellierte Draufsichten, die immer komponierter, immer weniger realistisch wurden. Da wird es für mich als Künstlerin interessant. Wie kann man die Bedeutungsebenen von Landschaft, Funktionen, von den dort lebenden Tieren zusammenbringen? Wie kann man auf einer diagrammatischen Ebene eine ontologisch wirksame Ordnung zeigen? So ist das Land langsam für mich ephiphanisch geworden.
Elisabeth von Samsonow, Medea's Magic Deck. Mixed Media auf Karton, 120x300, 2024. Foto: Max Brucker
SBV: Kommen so die Göttinnen dazu?
EvS: Im Rahmen unseres Forschungsprojektes haben wir untersucht, wie weibliche Figuren der Urgeschichte als Bildquellen und Denkmodelle weiterwirken, bis heute inspirieren und alternative Sichtweisen über Geschichte ermöglichen. In diesem Rahmen habe ich ein performatives Göttinnenfest auf unserem Land im Pulkautal organisiert.
SBV: Was wolltet ihr damit vermitteln?
EvS: Wir möchten zeigen, wie vielschichtig die Habitate sind, welche Gemeinschaft sich gebildet haben, wie regenerativ das Land ist. Das Land wurde zu einer Art Labor, für Exemplarisches, aber auch Paradigmatisches – was man erfahren kann, was wo geschieht, wie Reaktionen aussehen. Die Göttinnen sind dabei nichts Religiöses, nichts Transzendentes, auch kein wiederbelebter Glaube oder ähnliches, sondern ein Symbol für die Verbundenheit mit der Erde.
SBV: Ein Bild- und Geschichtenreservoir?
EvS: Ja, Träger von kulturellen Ideen und Bildern, die bis heute wirken. Als eigenständige Bildsprache, die Vorstellungen von Körper, Natur, Gemeinschaft und auch Spiritualität enthält. Das war auch das Thema der Ausstellung „Die Sprache der Göttinnen“, die ich zusammen mit der Archäologin Katharina Rebay-Salisbury im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya kuratiert hab, vom April 2025 und dann wegen des enormen Interesses bis wahrscheinlich Ende November 2026 verlängert.
Göttinnenfest © Elisabeth von Samsonow
SBV: Spielt dieses Thema auch in deine Kunst hinein?
EvS: Ja, ich habe mit intensiv mit den Kykladen-Idolen beschäftigt…
SBV: … die stilisierten, ungefähr 3200 v. Chr. entstandenen Figuren aus weißem Mamor?
EvS: … ja, es geht mir dabei um die Poetologie der weiblichen Figur – im klaren Gegensatz zu religiösen Deutungen wie Fruchtbarkeit oder anderes. Eher als Hüterin des Landes – das ist ein starkes Thema in meiner Ausstellung in der Heidi Horten Collection.
SBV: Danke für das Gespräch!
Ausstellung
Elisabeth von Samsonow
Heidi Horten Collection
19. September 2026 – 28. Februar 2027
Elisabeth von Samsonow, Ich als Adlerin. Filzstift und Glitzer auf Papier, 38x50, 2024. Foto: Max Brucker













