EXPLORE VIENNA

Eine Galerientour quer durch die Stadt

Tour 2: Charim – Hilger – Nächst St. Stephan – Zeller van Almsick – Projektraum Viktor Bucher

Extra info

Ein Galerienrundgang mit Maria Christine Holter.
Maria Christine Holter ist Kunsthistorikerin und Kuratorin für Gegenwartskunst in Wien
www.mariaholter.at

Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Auf dem zweiten Rundgang stellen wir Ihnen fünf Galerien vor, die sich auf einer räumlichen Diagonale durch die Wiener Innenstadt befinden: Wir starten in der von Kunst- und Antiquitätenhandlungen gesäumten Dorotheergasse mit den Galerien Charim und Hilger, anschließend besuchen wir Rosemarie Schwarzwälder und Cornelis van Almsick in deren jeweiligen Räumlichkeiten im 1. Bezirk und zuletzt Viktor Bucher im Projektraum in der Praterstraße.

Galerie Charim Ansicht Dorotheergasse, Foto: Martyn Reynolds

„Kunst ist mir ein Anliegen, das über die marktwirtschaftliche Wertschöpfung weit hinausgeht. Kunst ist Gesellschaftsproduktion.“ Diese von Miryam Charim passioniert vertretene Agenda wird aus der Geschichte der Galerie her transparent und ist in den gegenwärtig präsentierten künstlerischen Positionen nach wie vor spürbar: 1997 als „Charim Klocker“ von Miryam Charim und Hubert Klocker gegründet und seit 2001 von Charim unter ihrem Namen geführt, fokussiert die Galerie auf kunstimmanenten und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Neben reichen Beständen international ausstrahlender Arbeiten des Wiener Aktionismus und jener der österreichischen feministischen Avantgarde, wie VALIE EXPORT, hat sie zudem Lisl Ponger, Heidi Harsieber, Ingrid Wiener und Eva Beresin im Programm. Die Galerie punktet auch mit Künstlerinnen und Künstlern der mittleren und jüngeren Generation aus den Bereichen Neue Medien, Fotografie, Objektkunst und performative Praktiken wie etwa Dorit Magreiter, Markus Krottendorfer, Dorothee Golz, Edgar Honetschläger, Anna Jermolaewa oder Roberta Lima.

Über das Engagement für „ihre“ Kunstschaffenden erzählt Miryam Charim: „Früher war ich auf bis zu zehn Messen jährlich. Nun habe ich die kosten- und zeitintensive Messebeteiligungen auf vier bis fünf im Jahr reduziert und derzeit steht ja pandemiebedingt alles still. Aber ohne internationale Positionierung geht es nicht, denn Wien ist als Markt viel zu klein. Dafür bauen wir unsere digitale und lokale Präsenz aus.” Als Experimentierfeld für „emerging artists“ stehen CHARIM seit 2012 mit „CHARIM Schleifmühlgasse“ Räumlichkeiten im stark frequentierten Schleifmühlviertel zur Verfügung, seit 2020 auch ein Ort für Residencies, die „CHARIM Factory“, in der Brotfabrik Wien in Favoriten.

In der Stammgalerie Dorotheergasse 12, dem Palais Gatterburg, hingegen, verbinden sich humanistisch-aufklärerische Tradition und Gegenwart auf anregendste Weise: Das dreigeschoßige Barockgebäude, in dessen 1. Stock CHARIM eingemietet ist, beherbergte einst die Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“, der auch Wolfgang Amadeus Mozart und Angelo Soliman angehört haben sollen und später, bis zu deren Umzug in die Rauhensteingasse 1985, die Großloge von Wien bzw. Österreich. Vier Stuckmedaillons an der Decke einer der heutigen Showrooms werden von den Personifikationen der Kardinaltugenden geziert: Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit – ein historisch gewachsener Auftrag für das nunmehr 30 Jahre kontinuierlich weiterentwickelte Galerieprogramm.

charimgalerie.at
1010, Dorotheergasse 12/1

Miryam Charim, Foto: Peter M. Mayr
Foto: Jakob Polacsek
Foto: Hannes Böck
Foto: Hannes Böck
Foto: Jakob Polacsek

Verlässt man die Galerie CHARIM so sticht eine weitere Institution des Wiener Kunst- und Kulturlebens ins Auge: Rechts das Auktionshaus Dorotheum, das anstelle des namensgebenden, unter Joseph II aufgehobenen Dorotheerklosters errichtet wurde, vis a vis das Jüdische Museum im Palais Eskeles und links Richtung Graben die traditionsreiche Musikalienhandlung Doblinger im ehemaligen Palais Dietrichstein. Auf Nr. 6 befindet sich noch heute der nicht zuletzt durch den Georg-Danzer-Song „Jö schau“ weltberühmt gewordene Künstlertreff Café Hawelka. Erste Adresse unter den Intellektuellen der Jahrhundertwende war schließlich Dorotheergasse 3, das Grabenhotel: 1913–1919 Wohnadresse von Peter Altenberg, zeitweilig auch von Franz Kafka und Max Brod. Wir wenden uns aber nun dem Nachbarhaus des Hotels zu, dem von den Otto-Wagner-Schülern Emil Hoppe, Marcel Kammerer und Otto Schönthal 1914 errichteten Jugendstilbau Dorotheergasse 5, in dessen erstem Geschoß die Galerie Ernst HILGER residiert.

„Angefangen habe ich als Welthandelsstudent mit Grafikeditionen bekannter österreichischer Künstler für 360 Schilling pro Druck, das wären heute um die 26 Euro. So mancher hat mit einem dieser Blätter seine Kunstsammlung begründet.“

Worauf Ernst Hilger, seit nunmehr 50 Jahren Galerist aus Leidenschaft, hier Bezug nimmt, ist die 1971 von ihm gemeinsam mit Peter Infeld und Peter Grebner ins Leben gerufene „Studenten-Edition“, die Druckgrafiken von namhaften österreichischen Künstlern wie Alfred Hrdlicka, Arnulf Rainer, Karl Korab und den Phantastischen Realisten für Studierende zu erschwinglichen Preisen erhältlich machte. Mit der Herausgeberschaft der ersten österreichischen Kunstzeitung, dem „Galerienspiegel“ (gemeinsam mit Paul Kruntorad) setzt sich 1974 die Serie der „firsts“ des Ernst Hilger fort.

Diese innovationsfreudige und zugleich egalitäre Haltung prägt den auskunftsfreudigen Galeristen nach wie vor, wenngleich zu seinem Portfolio nahezu alle (durchaus auch hochpreisigen) Klassiker der nationalen und internationalen Nachkriegsavantgarde zählen – von Alfred Hrdlicka, dem erst kürzlich verstorbenen Hans Staudacher über Picasso, Dubuffet, bis hin zu Keith Haring, Andy Warhol und anderen Street- und Pop Art-Größen, zudem renommierte und aufstrebende zeitgenössische Positionen aus Europa, den USA, Afrika, Australien und aus dem arabischen oder asiatischen Raum.

Neben der Bespielung der 1978 von Dorotheergasse 2 auf Nr. 5 verlegten Innenstadt-Galerie, war Hilger wiederum einer der ersten, der das Potential der ehemaligen Ankerbrot-Fabrikshallen in Favoriten für die Präsentation von Gegenwartskunst erkannte und mit Hilger NEXT seit 2009 dort ein Forum dafür schuf. Hier werden (nicht nur) junge Kunstschaffende in einem einzigartigen Ambiente präsentiert, oft in Zusammenarbeit mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren. Zudem gelang es Ernst Hilger, die wichtige Rolle von Galerien als Partner von Museen, Sammlern und staatlichen Repräsentanten, aber auch als Kooperationspartner von Unternehmen grundlegend zu definieren.

Bevor wir unseren Galerienrundgang fortsetzen, nochmals Ernst Hilger im O-Ton: Hawelka oder Bräunerhof? „Im Hawelka hab‘ ich früher mit dem Robert Hochner [2001 verstorbener ZiB2-Moderator im ORF] gefrühstückt, aber eigentlich ist mein Café das Bräunerhof. Dort war ich viel mit dem Hrdlicka, der sich mit Thomas Bernhard fast jeden Morgen um die Frankfurter Allgemeine gestritten hat. Das Bräunerhof geht mir im Lockdown mehr ab als alle Restaurants der Innenstadt zusammen.“ Und: „Nach 50 Jahren ans Aufhören denken? Aber wie kommen‘s denn darauf! Ich mach‘ noch 20 Jahre weiter, wenn ich kann.“

hilger.at
1010, Dorotheergasse 5

Ernst Hilger, © Katharina Stögmüller
Terra Australis - Tamara Dean, Linde Ivimey, Janet Laurence, Danie Mellor, 2020. Courtesy Galerie Ernst Hilger and the artist
Rainer Wölzl – Panoptikum, 2021. Courtesy Hilger NEXT and the artist
Cameron Platter – Imagine, 2021. Courtesy Galerie Ernst Hilger and the artist

Über den Graben und den Stephansplatz gelangt man in die kleinen verwinkelten Gässchen hinter dem Stephansdom und nähert sich einer der traditionsreichsten Adressen für moderne und zeitgenössische Kunst in Österreich: Grünangergasse 1. Im geschichtsträchtigen „Neuberger Hof“ unterhielt Otto Kallir bis zu seiner von den Nationalsozialisten erzwungenen Emigration 1938 die 1923 von ihm gegründete „Neue Galerie“ mit Werken von Egon Schiele, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Richard Gerstl und Alfred Kubin. Ab 1945 bemühte sich Monsignore Otto Mauer um die österreichische Nachkriegsavantgarde und machte die 1954 ebendort gegründete „Galerie St. Stephan“, später umbenannt in „Galerie nächst St. Stephan“ zur intellektuellen Heimat von Künstlerinnen und Künstlern wie Arnulf Rainer, Maria Lassnig, Kiki Kogelnig und Oswald Oberhuber. Oberhuber leitete die Galerie nach dem Tod Otto Mauers 1973 bis zur Übergabe 1978 an Rosemarie Schwarzwälder. Rasch trat Schwarzwälder aus dem Schatten der beiden Männer und gab der Galerie ihr eigenes, unverwechselbares Gesicht.

„Schreiben Sie bitte nicht nur über die eindrucksvolle Geschichte dieser Galerie, sondern auch über die Entwicklungen, die sie besonders seit Mitte der 1980er-Jahre bis zur Gegenwart genommen hat.“ Dieser Bitte einer der verdientesten Frauen im österreichischen Kunstbetrieb, der in Basel (CH) aufgewachsenen und 1970 nach Wien gezogenen Rosemarie Schwarzwälder, soll gern entsprochen werden. Seit 1978 leitet sie mit Verve die Galerie NÄCHST ST. STEPHAN und ist seit 1987 Eigentümerin dieser Kunsträumlichkeiten, die sie durch ihre konsequente Programmgestaltung und die unermüdliche Teilnahme an internationalen Messen weltweit bekannt gemacht hat. Mit innovativen Projekten zu Themen wie „Neue Skulptur“ oder „Neue Geometrie“ profilierte sich die Galerie im internationalen Kunstdiskurs.

Durch die Schwerpunktsetzung auf abstrakte, minimalistische und konzeptuelle Positionen beschritt Schwarzwälder im noch sehr grauen Wien der 1980er-Jahre Neuland: Mit Ernst Caramelle und Gerwald Rockenschaub hat sie seit Anbeginn zwei heimische Kapazunder im Programm, gefolgt von Herbert Brandl und Heinrich Dunst. Internationale Größen wie Imi Knoebel, Helmut Federle, Donald Judd und Dan Flavin machte sie dem österreichischen Publikum bekannt, einige Jahre später auch Katharina Grosse, Adrian Schiess, Karin Sander, Manfred Pernice und Bernard Frize. Jüngere Kunstschaffende wie Sonia Leimer, Miao Ying, Daniel Knorr und Luisa Kasalicky setzen kraftvolle Akzente mit aktuellen Fragestellungen zu Biopolitik und digitalen Medien.

Seit 2007 belebt zudem das Format „LOGIN“ die Grünangergasse: Die immer gut in Szene gesetzten Mini-Shows in der ebenerdigen Fenstergalerie des Neuberger Hofs wecken das Interesse der Passantinnen und Passanten, auch die Ausstellungen in den großzügigen Galerieräumen im 2. Stock zu besuchen. Der in letzter Zeit erweiterte digitale Auftritt der Galerie ermöglicht in der Kategorie „Viewing Rooms“ lustvolles Schauen, Entdecken und, ja, auch Kaufen selbst in Zeiten der Lockdowns.

„Nun habe ich noch eine Neuigkeit für Sie, die mich selbst auch wahnsinnig freut,“ strahlt Rosemarie Schwarzwälder: „Im wunderschön revitalisierten ,Kleinen Bischofshof‘ in der Domgasse 6, in direkter Nachbarschaft zu Dagmar Chobot und schräg gegenüber vom Mozarthaus, ist im Erdgeschoß ein Raum frei geworden, den ich schon einige Zeit im Auge hatte. Dieser Ort, den wir im Mai mit Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Sheila Hicks eröffnen, birgt ganz andere Möglichkeiten als in der Grünangergasse, und das ist sehr reizvoll für mich.“ Wir dürfen gespannt sein, was Rosemarie Schwarzwälder künftig dazu einfällt!

schwarzwaelder.at
1010, Grünangergasse 1

Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder. Foto: Julian Mullen
Ausstellungansicht: Luisa Kasalicky, Tiefschlaf in der Stadt, 2020. Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder. Foto: Markus Wörgötter
Ausstellungsansicht: Imi Knoebel, Drachenlinien, 2017. Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder. Foto: Markus Wörgötter
Ausstellungsansicht: Herbert Brandl, Schönes Leben, 2016. Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder. Foto: Markus Wörgötter
Ausstellungsansicht: Ernst Caramelle, 2018. Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder. Foto: Markus Wörgötter

Der Weg zum Franz-Josefs-Kai 3, wo sich die Galerie ZELLER VAN ALMSICK befindet, führt im Zickzack über die Schulerstraße, Riemergasse und Wollzeile wahlweise durch die Postgasse – vorbei an der namensgebenden „Alten Post“ – oder auch der Dominikanerbastei entlang, Otto Wagners „Österreichische Postsparkasse“, ein architekturhistorisches Juwel der Wiener Moderne. Das berühmte Baudenkmal wird glücklicherweise seit 2020 als „Wissenschaftscampus“ von der Universität für angewandte Kunst, der Kunstuniversität Linz und der Akademie der Wissenschaften genutzt und nicht, wie befürchtet, in eine weitere innerstädtische Luxusimmobilie umgewandelt. Am Kai angelangt, sticht das Gründerzeithaus Franz-Josefs-Kai 3 ins Auge, denn es ist, laut Galerist Cornelis van Almsick, eines der ganz wenigen, das die Bombenabwürfe gegen Ende des 2. Weltkriegs hier unbeschadet überstand.

„Wir sind sehr glücklich an dieser Adresse zu sein. Es ist, zusammen mit dem Donaukanalufer unterhalb des Kai, eine Gegend, die sich noch nicht ganz neu definiert hat und somit eine Gegend, die gut zu uns passt. Außerdem hatte ich als freier Kurator des Öfteren mit der bis 2013 im Erdgeschoß eingemieteten BAWAG Contemporary zusammengearbeitet und so lag es für mich nahe, 2017 mit Magdalena Zeller in diesem schönen ehemaligen Wohn- und Bürohaus der Gebrüder Schwadron unsere Galerie zu gründen.“

Vom Wiener Architekturbüro „propeller z“ 2010 zu einem Showroom für Gegenwartskunst adaptiert, kann man im straßenseitig gelegenen Verkaufsraum des 1904 für die Bau- und Keramikfirma Schwadron errichteten Gebäudes die originale Deckengestaltung mit buntglasierten „Schwadron-Fliesen“ bewundern. Zudem erinnert im Eingangsbereich die zeitgenössische Keramik-Wandarbeit „neither in motion nor at rest“ von Sonia Leimer an das Schicksal der zur Emigration gezwungenen jüdischen Unternehmerfamilie. Man sollte zu Fuß den 3. Stock zur Galerie ZELLER VAN ALMSICK erklimmen, führt das Stiegenhaus doch an gefliesten Ausstattungsdetails und reich dekorierten gründerzeitlichen Wohnungsportalen vorbei.

Oben bei den ursprünglich zu Architekten ausgebildeten, im Kunstbereich vielfältig tätigen Galeristen Magdalena Zeller und Cornelis van Almsick angekommen, erwarten uns nicht nur fantastische Ausblicke auf den belebten Donaukanal, die chic gewordene Leopoldstadt und die Wagner‘sche Postsparkasse, sondern vor allem sorgsam kuratierte und von den beiden Inhabern persönlich vermittelte Einblicke in die hohe künstlerische Qualität junger, vorwiegend „in Österreich lebender und arbeitender“ Kunstschaffender. Es sind Positionen, die sich der Programmatik der Galerie folgend, unter räumliche Erkundungen mit Fokus auf Malerei und deren erweiterten Aspekten subsumieren lassen, wie beispielsweise Edin Zenun, Charlotte Klobassa, Jonny Niesche, Kay Walkowiak oder Strabag Kunstforum Anerkennungspreisträgerin 2021 Sophie Gogl.

„Magdalena und ich hatten ja schon vor der Galeriegründung kuratorische Erfahrung gesammelt, aber da waren wir noch nomadisch unterwegs. Als Architektenduo weiß man, wo gerade ein toller Ort leer steht, und das haben wir mit einem immer größer und interessanter werdendem Kreis von Künstlerinnen und Künstlern genützt. Irgendwann will man aber jenen, für die man sich weiter engagieren möchte, mehr Stabilität bieten, und so war der 2017 gesetzte Schritt, eigene Räumlichkeiten zu eröffnen, nur logisch“, erzählt Cornelis van Almsick, in Berlin geborener passionierter Wahlwiener. ZELLER VAN ALMSICK versteht sich als Begleitung für die Karrieren „ihrer“ Kunstschaffenden, als „Puffer“ zwischen diesen, dem Sammlerkreis und dem fordernden Kunstmarkt.

zellervanalmsick.com
1010, Franz-Josefs-Kai 3

Magdalena Zeller, Cornelis van Almsick. Foto: Christian Guzy, 2017
Dejan Dukic, Restless Relays, Foto: Simon Veres, 2020
Charlotte Klobassa, Memory Foam, Foto: Simon Veres, 2020

Zurück am Kai verlassen wir den 1. Bezirk und überqueren den Donaukanal via Schwedenbrücke in den 2. Wiener Gemeindebezirk, die Leopoldstadt. Unmittelbar nach dem von Jean Nouvel entworfenen und von Pipilotti Rist künstlerisch ausgestatteten Hotel SO/Vienna zweigt man in den weiteren Verlauf der rund 1 km lange Praterstraße ab – ein gründerzeitlicher Boulevard mit Pariser Flair, heute wichtige Verkehrsader, die die Altstadt mit dem Praterstern und dem beliebten Naherholungsgebiet der Wienerinnen und Wiener, dem Prater, verbindet. Der PROJEKTRAUM VIKTOR BUCHER befindet sich am verkehrsberuhigten, mondänen Anfang der Praterstraße, der von exquisiten Modegeschäften und gern besuchter Gastronomie gesäumt wird. In einem langgestreckten Zins-hauskomplex von Architekt Viktor Rumpelmayer aus den Jahren 1874–1876, dem „Lloyd-Hof“, ist in dessen säulenflankiertem Mittelteil mit Hausnummer 13 die Galerie über die glasüberdachte ehemalige Geschäftspassage und die Stiege I erreichbar.

„So halte ich es mit meinen programmatischen Zielsetzungen wohl eher mit dem Versprechen des Pop, dass „Kunst mehr ein Erlebnis als Sammelgegenstand sei, dass sie nicht als Mobiliar des Kulturreservats Museum, sondern in der Welt ihre verändernde Kraft entfalten müsse“ “.

In einer großzügigen Altbauwohnung des Lloyd-Hofs begrüßt Viktor Bucher die Besucherinnen und Besucher. Die aktuell mit Interventionen von Michail Michailov bespielten Ausstellungsräume durchquerend, führt er in sein Büro, das mit Werken der von ihm betreuten Kunstschaffenden förmlich überquillt. Es herrscht eine angenehm unaufgeregte Atmosphäre, die mehr an einen „Off-Space“ als an eine Innenstadtgalerie erinnert – vom Betreiber durchaus so gewollt. Der studierte Publizist und Kunsthistoriker führt seinen Projektraum als einen lebendigen und wandlungsfähigen Ort, offen für unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksformen auf hohem Niveau.

„Ich entschied mich von Anfang an bewusst für die Bezeichnung „projektraum“ und nicht „Galerie“, da mir dies mehr Spielraum bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler lässt. Die Selektion folgt, soweit möglich, prima vista nicht kommerziellen Richtlinien – das würde nämlich einen großen Bereich äußerst spannender Positionen und Praktiken wie Installation oder performative Ansätze ausklammern“, erläutert Bucher, der sich als „Talente-Scout“ in der österreichischen Kunstlandschaft, aber auch darüber hinaus, empfindet. Seit über 20 Jahren, ab 1998 in der Praterstraße 13, bemüht er sich, herausragende künstlerische Leistungen aus der Fülle des Angebots herauszufiltern und über Messebeteiligungen, Ausstellungen und Sammlungen im internationalen Kontext zu verankern – so geschehen etwa bei Julie Hayward, Marlene Hausegger, Canan Dagde-len, Alfredo Barsuglia, Aldo Giannotti, Michael Schrattenthaler, Hadrien Dussoix oder eben dem eingangs erwähnten Künstler Michail Michailov.

Welche Rolle in seinem kunstvermittelnden Tun der Digitalisierung zukäme? Unbestritten würde Kunst durch Social Media, Internet und Digitalisierung mehr Präsenz erreichen; für ein Werk gäbe es jedoch nichts Besseres, als dieses dem Publikum im Real-raum der Galerie zu kommunizieren, besonders wenn es vorrangig (noch) nicht Markt-relevante Arbeiten beträfe. Kunst als Erlebnis und verändernde Kraft, also…

projektraum.at
1020, Praterstraße 13/1/2

(Maria Christine Holter)

Viktor Bucher © Martin-Stöbich
Exhibition Modular Construction by Canan Dagdelen at Projektraum Viktor Bucher, Vienna, Austria, 13.11.2015 – 16.01.2016
Daniel Hafner, Capricious Salad 2017, Foto: Daniel Hafner
Galerie Viktor Bucher
Michail Michailov, keeps falling on my head, Foto: Michail Michailov
Viktor Bucher © Viennafair