EXPLORE VIENNA

Galerienrundgang durch die Schleifmühlgasse

Tour 3: Gabriele Senn – Christine König – Georg Kargl Fine Arts – Rauminhalt_Harald Bichler

Extra info

Ein Galerienrundgang mit Maria Christine Holter.
Maria Christine Holter ist Kunsthistorikerin und Kuratorin für Gegenwartskunst in Wien
www.mariaholter.at

Jakob Lena Knebl, Ruth Anne, 2020, Georg Kargl Fine Arts, Wien

Beim dritten Galerienrundgang folgen wir dem leicht gekrümmten Verlauf der Schleifmühlgasse im sogenannten „Freihausviertel“ des 4. Wiener Gemeindebezirks. Die Gasse verbindet Wiedner Hauptstraße mit Rechter Wienzeile und befindet sich so in unmittelbarer Nähe zu Naschmarkt, Karlsplatz und Technischer Universität. Kurz vor der Jahrtausendwende wurde das Freihausviertel – benannt nach dem „Starhembergischen Freihaus auf der Wieden“ – aus seinem Tiefschlaf gerissen, nicht zuletzt durch die Initiative des Galeristen Georg Kargl, der mit seiner eigenen Galerieeröffnung die Ansiedlung weiterer Kunsträume und damit die Gentrifizierung des Viertels vorantrieb.* Heute drängen sich hier dicht an dicht Kunsthandel, chice Läden, Cafés und Szenegastronomie. Wir haben vier Top-Galerien für Sie ausgewählt, beginnend mit den benachbarten Galerien GABRIELE SENN und CHRISTINE KÖNIG am Anfang der Schleifmühlgasse, GEORG KARGL FINE ARTS ein paar Häuser weiter und die Galerie RAUMINHALT von Harald Bichler jenseits der Margaretenstrasse.

Imi Knoebel, Russisch Brot I, 1999

Als Gabriele Senn in ihrer Jugend Bücher über Rembrandt und Picasso aus der väterlichen Bibliothek in die Hände bekam, nahm ihr weiterer, von der Liebe zur Kunst völlig durchdrungener Lebensweg seinen Lauf. Aus der Tiroler Provinz nach Wien „geflohen“, führte er von einem Studium an der Hochschule (heute Universität) für angewandte Kunst bei Oswald Oberhuber, über die Mitarbeit an einem Katalog zu Franz West für das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien und zahlreichen inspirierenden Freundschaften mit nationalen wie internationalen Kunstschaffenden 1998 zur Gründung ihrer eigenen Galerie. „Der erste Standort befand sich in einem ehemaligen Autosalon an der Dominikanerbastei im 1. Bezirk – ein Gassenlokal mit großen Schaufenstern, was damals in der Szene noch die Ausnahme war – für mich ein echter Glücksfall!“

In der damaligen Wiener Kunstlandschaft füllte die Galerie GABRIELE SENN, wie Senn aus heutiger Sicht meint, eine Lücke, die durch die Schließungen der Galerien Peter Pakesch und Metropol (Christan Meyer und Georg Kargl) entstanden war. Eine Freundin machte die Galeristin auf den Leerstand in der Schleifmühlgasse 1A aufmerksam. Mit der Übersiedelung auf die Wieden wurde SENN im Jahr 2000 Teil der Begründung einer neuen, lebendigen Kunstszene abseits des Wiener Stadtzentrums. „Das Schleifmühl- bzw. Freihausviertel war bei meinem Umzug noch eine ziemlich verwahrloste Gegend: Ein paar kleine Läden und Handwerksbetriebe kurz vor der Pensionierung, abgesehen von den Galerien Kargl, König und Engholm, die schon vor mir hierhergezogen waren“, erinnert sich Gabriele Senn. „Wo wir uns gerade unterhalten, befand sich das Magazin der Buchhandlung Reichmann auf der Wiedner Hauptstraße. Das schöne Türschild ist noch da, die Buchhandlung seit 2011 leider geschlossen. Jetzt bespielt Miriam Charim den vorderen Teil des ehemaligen Buchlagers als Ergänzung zu ihrer Innenstadtgalerie und ich habe den hinteren dazugenommen.“

Den Programmschwerpunkt legt die ehemalige Präsidentin des Verbandes österreichischer Galerien für moderne Kunst auf internationale Gegenwartskunst in den verschiedensten Medien wie Malerei, Skulptur, Foto, Film und Installation. Zu den Kunstschaffenden der Galerie zählen unter anderem Elfie Semotan, Hans Weigand, Cäcilia Brown, Kathi Hofer, Josephine Pryde und Andy Hope 1930. Cosima von Bonin, Galerie-künstlerin der ersten Stunde, ist ebenfalls noch mit Arbeiten bei SENN vertreten.

galeriesenn.at
1040, Schleifmühlgasse 1A

Cäcilia Brown, Tunnelfragment #1, 2020 Cäcilia Brown, obdachlos und trotzdem sexy II, 2020 Imi Knoebel, Der Deutsche (12), 2010
Imi Knoebel, Der Deutsche (12), 2010 Cäcilia Brown, obdachlos und trotzdem sexy II, 2020 Cäcilia Brown, Eingeengt durch Bäume, 2019
Hans Weigand - Tales from the End of the Road, Ausstellungsansicht, Gabriele Senn Galerie 2020
Hans Weigand - Tales from the End of the Road, Ausstellungsansicht, Gabriele Senn Galerie 2020
Hans Weigand - Tales from the End of the Road, Ausstellungsansicht, Gabriele Senn Galerie 2020
CHRISTINE KÖNIG, Ausstellungsansicht TIMEZONE, curated by_Giulia Ferracci, Christine König Galerie, Wien 2016 © eSeL.at

Pointiert formuliert Christine König die Agenda ihrer renommierten Galerie. Knapp auch die Antworten zu weiteren Fragen, denn viel wäre bereits über ihre nunmehr 32 Jahre währende Galeristentätigkeit gesagt und geschrieben worden, zig Interviews hätte sie gegeben, erst kürzlich wieder in einem österreichischen Qualitätsmagazin. Und das Gendern ist der studierten Germanistin fern, denn wahren Feminismus erkenne man nicht am Binnen-I, sondern an der Haltung und wie man miteinander umgehe – auch im Kunstbetrieb.

Auskunftsfreudiger und voller Hochachtung spricht König hingegen über ihren 2018 verstorbenen Kollegen Georg Kargl, dem sie, wie Senn, die Initiative zur Verlegung der seit 1989 bestehenden CHRISTINE KÖNIG GALERIE aus dem 1. Bezirk 1999 ins Schleifmühlviertel verdanke: „Die Schaufenster einer ehemaligen Klavierfabrik waren noch mit Packpapier zugeklebt, aber als ich durch die Schlitze sah, dass sich die großzügigen Räume durchgehend von der Straße bis zum Innenhof erstreckten, sagte ich sofort zu. Architekt Luigi Blau machte die Planung, ihm ist es zu verdanken, dass die Galerie sozusagen ALLEM gewachsen ist.“

Viel Positives und Innovatives ist in über 20 Galeriejahren in der Schleifmühlgasse ne-ben der Ausstellungstätigkeit und zahllosen internationalen Messebeteiligungen geschehen: von diskursiven Vermittlungsformaten wie die bis 2006 wöchentlich stattfindenden „LunchLectures“ und die seit 2008 unregelmäßig durchgeführten interdisziplinären „Conversations“ bis zur Erweiterung der Galerie um den experimentellen Space „KOENIG2“, der von Senior Direktor und Geschäftspartner Robby Greif, einem dynamischen Ex-Berliner, seit über vier Jahren geleitet wird. „Junge Kunst erzeugt ein spannendes Cross-over der Generationen, auch im Publikum“, meint Greif im Einklang mit König. Im rund 5 x 5 x 4 Meter dimensionierten White Cube von KOENIG2 in der Margaretenstraße 5, der nur mittels vorheriger Kontaktaufnahme und mit der persönlichen Betreuung des Galeristen oder der ausstellenden Kunstschaffenden betreten werden kann (jedoch rund um die Uhr einsichtig ist), findet niederschwellig statt, was Greif generell für seine Ver-mittlungsarbeit vorschwebt: „Der Funke springt ganz natürlich über!“.

Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler orientiert sich an beiden Galeriestandorten an Themen, die für Christine König seit jeher relevant sind und die Robby Greif gut mittragen kann: Politik und Aktivismus, Feminismus, Literatur, postkonzeptuelle Ansätze. So liest sich die Künstlerliste – hier nur auszugsweise wiedergegeben – wie ein logisches Abschlussstatement, dem nichts hinzuzufügen ist: Ai Weiwei, Magda Csutak, Jimmie Durham, David Hammons, Alona Rodeh, Gerhard Rühm, Nancy Spero, Toni Schmale, Juergen Teller,…

christinekoeniggalerie.com
1040, Schleifmühlgasse 1A

Ausstellungsansicht PER DYBVIG Evig Din Svartfossen, Christine König Galerie, Wien 2018 © Foto: Philipp Friedrich
Ai Weiwei, Odyssey, 2016, Wandarbeit, Maße variabel. Ausstellungsansicht Wären Fluss und Meere Tinte..., 2017 © Christine König Galerie, Wien
Ausstellungsansicht HONZA ZAMOJSKI, Christine König Galerie, Wien 2021 © Foto: Philipp Friedrich
ROBBY GREIF, KOENIG2 by_robbygreif, Wien
Ausstellungsansicht PIOTR ŁAKOMY | Waiting Room, KOENIG2 by_robbygreif, Wien 2020 © Foto: Philipp Friedrich
Jakob Lena Knebl, Ruth Anne, 2020, Georg Kargl Fine Arts, Wien

GEORG KARGL FINE ARTS darf man getrost als „Primus inter Pares“ innerhalb der Galerienszene des Freihausviertels bezeichnen. Hat doch der im Mai 2018 verstorbene Gründer Georg Kargl, einer der einflussreichsten und streitbarsten Figuren der Szene, mit seinem Neustart 1998 in einer aufgelassenen Druckerei im von Ernst Epstein 1910/11 erbauten Gründerzeithaus Schleifmühlgasse 5 einen regelrechten Galerien-, Off-Space- und Lokal-Boom abseits der Wiener Innenstadt auf der Wieden angestoßen. Mit dem Zuzug der Galerien König, Engholm und Senn um die Jahrtausendwende setzte ein reges Kommen und Gehen von Kunsträumen statt, das sich auch in den unteren, Richtung Naschmarkt gelegenen Teil der Schleifmühlgasse fortsetzte.

Seit drei Jahren führt nun Kargls Ehefrau, die brasilianisch-österreichische Künstlerin Inés Lombardi, mit ihrem engagierten Team die Galerie, die sich noch zu Lebzeiten von Kargl 2005 um die BOX (mit einer Fassadengestaltung von Richard Artschwager) und 2006 um PERMANENT, dem Experimentierfeld der Galerie, erweitert hatte. PERMANENT war ursprünglich als Ausstellungsraum für langfristige Präsentationen vorgesehen. Lombardi bevorzugt es, ihn als offenen Raum für den Austausch mit lokalen und internationalen, meist jungen Positionen zu definieren, die nicht unbedingt mit dem Galerieprogramm in Verbindung stehen. Die neue Ausrichtung wurde 2018 mit einer Ausstellung von Jakob Lena Knebl begonnen.

„Ich setze die Kontinuität der Galerie mit einem Programm fort, das ich mit meiner persönlichen Vision ergänze – diese bezieht auch neue und jüngere Positionen ein“, erläutert Lombardi ihr Konzept. „Der Lockdown hat einen Bruch mit dem Bekannten bewirkt und Veränderung beschleunigt. Die wirtschaftliche Unsicherheit unserer Zeit erfordert Flexibilität, Innovation und auch die Auflösung altbekannter Pfade. Wir befinden uns in einem Wandlungsprozess, der uns Gelegenheit gibt, neue Gedanken zu fassen für das, was als Nächstes kommt.“

Mit Künstlerpositionen wie Rafal Bujnowski, Mark Dion, Peter Fend, Herbert Hinteregger, Andreas Fogarasi, Jakob Lena Knebl, David Maljkovic, Agnieszka Polska, Rosa Rendl, um nur einige zu nennen, wird dies GEORG KARGL FINE ARTS auch in Zukunft hervorragend gelingen.

georgkargl.com
1040, Schleifmühlgasse 5

Ausstellungsansicht: Attempt at Rapprochement, 2020, Georg Kargl Fine Arts, Wien
Ausstellungsansicht: David Fesl, The Concrete Boy, 2020, Georg Kargl BOX, Wien
Ausstellungsansicht: David Fesl, The Concrete Boy, 2020, Georg Kargl BOX, Wien
Ausstellungsansicht David Maljković, 2020, Georg Kargl Fine Arts, Wien
Ausstellungsansicht: InExterieur, Markus Guschelbauer © rauminhalt_harald bichler

Harald Bichler, Inhaber und Leiter der Galerie RAUMINHALT, ist sichtlich irritiert, dass in Zeiten der Pandemie Kunst und Kultur an letzter Stelle abgehandelt werden. Sie sind für ihn ein Lebenselixier! Zu seinem Glück sei er in einer Familie aufgewachsen, in der ästhetisches Empfinden auf ganz natürliche Weise gelebt und seinem Gestaltungswillen, etwa in regelmäßigen Abständen die Möbel in der Wohnung umzustellen, selten Einhalt geboten wurde: „Ich hatte schon als Kind ein physisches Unbehagen, wenn Dinge ,falsch‘ standen oder hängten. Diese psychosomatischen Schmerzen befallen mich noch heute des Öfteren…“, erzählt der Galerist lachend.

Seit 2003 betreibt Bichler seinen Raum in der Schleifmühlgasse 13 als Schnittstelle zwischen Architektur, Design, bildender Kunst und Wissenschaft. „Mich inspiriert bei meiner Tätigkeit das Dialogische, das Sich-gegenseitig-Befruchtende. Ich will Visionäres aus allen Sparten der Kunst und Wissenschaft zusammenbringen – Kunstproduktion ist für mich gelebte Vision!“, begeistert sich Bichler, der selbst über einen naturwissenschaftlichen Background und mittlerweile über ein dicht geknüpftes interdisziplinäres Netzwerk verfügt. Diesem ganzheitlichen Ansatz sieht er sich auch künftig verpflichtet, besonders in Zeiten der Verunsicherung und Krise.

Damit Kunst nicht zum elitären Vergnügen degradiert werde und auch während der wiederkehrenden Lockdowns für jede/n zugänglich bliebe, entwickelte Bichler im vorigen Frühjahr das Ausstellungsformat „Unter Vorbehalt“. Seit Mai 2020 bis März 2021 waren im 2-Wochen-Rhythmus wechselnde Präsentationen ausgewählter Kunstschaffender in der Galerie RAUMINHALT zu sehen, und zwar so, dass die fantastische, mit Marmor eingefasste Schaufensterfront aus den 1970er-Jahren den optimalen Rahmen für die Werke im Inneren bildete. Dabei kamen Galeriekünstlerinnen und -künstler wie Gilbert Bretterbauer, Stefan Oláh, PRINZpod, Alexandra Pruscha und Christiane Reiter genauso zum Zug, wie von Bichler dazu eingeladene Gäste, darunter Markus Guschelbauer, Jakob Gasteiger, Rudi Klein und Christian Hutzinger. In nächster Zeit wird sich die Galerie noch stärker auf Fragen der Zukunft fokussieren. Eine Ausstellung mit der weltberühmten Liquifier Systems Group, einem multidisziplinär agierenden Wiener Unternehmen, das sich der Erforschung und Gestaltung zukünftiger Systeme zwischen Erde und extraterrestrischem Raum widmet, macht dazu den Auftakt.

rauminhalt.com
1040, Schleifmühlgasse 13

(Maria Christine Holter)

*Wie der Autorin nach Erscheinen des Artikels zur Kenntnis gebracht wurde, hatte das Künstlerduo STATION ROSE bereits 1988 maßgeblich Anteil daran, dass sich das Freihausviertel in ein kulturell lebendiges Zentrum abseits der Stadtmitte entwickelte. Siehe: digitalarchive.stationrose.net/chapters/standard-titel.html

 

 

Ausstellungsansicht: Neue Sessel und Kisses, Gilbert Bretterbauer © rauminhalt_harald bichler
Ausstellungsansicht: Zoology by Stefan Olah © rauminhalt_harald bichler
Ausstellungsansicht: Reprise by Darius Edlinger © rauminhalt_harald bichler
Ausstellungsansicht: On Forms by Sascha Reichstein