VIENNA ART WEEK 2021 - LOSING CONTROL

Losing Control

Extra info

Robert Punkenhofer, künstlerischer Leiter Vienna Art Week
Angela Stief, Direktorin Albertina modern und kuratorische Beraterin Vienna Art Week

Von Krisen befallen. Out of Control. Out of Action. Die Erkenntnis wächst, dass die Menschheit auf den Weltenlauf nur bedingt Einfluss nehmen kann. Zumindest zwei große Horrorszenarien bestimmen das derzeitige Weltgeschehen: das Virus Covid-19 mit seinen Mutationen sowie fürchterliche Naturkatastrophen, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Stürme, Erdbeben und Vulkanausbrüche erschüttern unsere Hemisphäre. Noch spürbarer sind die Auswirkungen des Virus, das mit großer Vehemenz unseren Alltag, über lange Zeit gewachsene Systeme – die Ökonomie, die Gesundheit und die Kultur – durcheinanderwirbelt, den individuellen Handlungsspielraum zu einem Minimum zusammenstaucht, unsere Routine mit Planlosigkeit durchkreuzt, Isolation erzeugt und soziale Beziehungen auf den Prüfstand stellt. Unsicherheiten und Ängste breiten sich aus. Das Phänomen „Shrinking World“ bindet uns an Ort und Stelle, Reisen sind passé und analoge Netzwerke können wir weder pflegen noch ausbauen. Auch Menschen, die auf Erfolg programmiert sind, straucheln. Denn die üblichen Problembewältigungsstrategien der Selbstermächtigung funktionieren nicht mehr. Wir befinden uns in einem kollektiven Taumel, im Schwindel. Vertigo ist jener Zustand, den Alfred Hitchcock im gleichnamigen Film beschrieb und den das Künstlerduo Ruth Anderwald + Leonhard Grond akribisch erforscht hat. In der Op Art beschäftigten sich Kunstschaffende mit der Wahrnehmung und den Zerrbildern der Wirklichkeit. Psychische Trugbilder und Projektionen lassen uns aktuell die Bodenhaftung verlieren. Peter Sloterdijk sprach einmal vom Verschwinden der Wirklichkeit oder der Wirklichkeit des Verschwindens. Die Kultur ist voll von Beschreibungen eines wie auch immer gearteten Schwindels, der einerseits Ohnmacht und andererseits das Vergnügen des anarchischen Wirbelns verdeutlicht, das alle Grenzen sprengt – die Entrückung todesmutig zelebriert.

Eines der großen Missverständnisse der Zivilisationsgeschichte ist der Glaube, dass der Mensch den Lauf der Dinge dirigiere. Erschütternd war die Erkenntnis der kopernikanischen Wende, dass die Erde nicht Mittelpunkt des Sonnensystems ist. Die Nachbeben erleben wir noch heute. Zumindest eines ist gewiss: Menschliche Hybris führt zum Fall. Dass das Scheitern aber auch ein konstitutives Moment des Schaffensprozesses sein kann, führte der niederländische Künstler Bas Jan Ader in waghalsigen Videos vor. Ab und zu signierte er mit „All is falling“. Von seiner letzten Mission „In Search for the Miraculous“, im Zuge derer er den Atlantik in einem kleinen Segelboot überqueren wollte, kehrte er jedoch nie wieder zurück.

Um den Wettstreit zwischen Kultur und Natur zu entschärfen, wäre schon damit geholfen, die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft neu zu überdenken. Dass die Wildheit der Natur durch nichts zu zähmen ist, wollte der Künstler Lois Weinberger in seinem Œuvre immer wieder verdeutlichen, indem er Unkraut und Wildwuchs kultivierte. Die Land-Art-Künstler der 1960er-Jahre verweigerten sich den urbanen Ausstellungsinstitutionen und entwickelten einen neuen künstlerischen Umgang mit der Landschaft. Beeindruckend veranschaulichte Robert Smithson in der legendären „Spiral Jetty“ (1970) in Utah die Transformationskraft der Natur. In der Arbeit „On Orientation“ versucht Almut Rink, eine nicht anthropozentrische Sichtweise einzunehmen und mittels Urban Gardenings ein aktives Gestalten des In-der-Welt-Seins zwischen Autonomie und Abhängigkeit zu bewerkstelligen. Ein Konter auf einen natürlichen Kontrollverlust?

Sigmund Freud sprach vor rund einem Jahrhundert von den drei Kränkungen der Menschheit: der kosmologischen, der biologischen und der psychologischen. Was, bitte, jetzt noch kommen solle, fragt selbst der Optimist irre lächelnd. In der Posthistorie der großen Kränkungen angekommen, nehmen wir uns in unserem Subjektstatus als Geworfene radikaler wahr denn je. Der präpotente, weiße, heterosexuelle Mann in der Schreckensvision von Donald Trump hat ausgedient. Der Besitz von Macht hat vermeintlich Bestand. In einem emanzipatorischen Aufbäumen der Political Correctness wurden patriarchalische Verhaltensweisen zum No-Go. Dass der Kontrollverlust hegemoniale Strukturen zersetzt, ist gut und schlecht. Ausgedientes soll gehen, Innovatives soll kommen. Doch trifft es in der gegenwärtigen Krise häufig die Falschen. Wir sind an einem kollektiven Wendepunkt angekommen. Die Lösung für das Dilemma muss jeder auf seine eigene Weise finden. Individualität bleibt weiterhin gefragt. Die Zukunft war selten so ungewiss.

Gibt es eine Empfehlung für die Zeitdiagnose Losing Control? Physische, psychische und künstlerische Lockerungsübungen etwa? Will man nun das Let-Go als Reaktion auf jahrelange Verhaltensweisen der Selbstermächtigung und des Just-do-It preisen? Kunstschaffende üben sich seit Langem in einem unbändigen, expressiven Ausdruck, der in einem Überkommen erstarrter Strukturen und ästhetischer Formelhaftigkeit auf eine Erneuerung abzielt. Von der Moderne über den Abstrakten Expressionismus und das Informel bis hin zu den Neuen Wilden der 1980er-Jahre versuchte man sich in Befreiungsgesten: Jackson Pollocks „Drippings“ und Hermann Nitschs „Schüttbilder“ stehen für die Befreiung des Körpers im Umgang mit dem tradierten Medium, aber auch die Œuvres von Martha Jungwirth, Herbert Brandl und Hubert Scheibl sind bis heute Beispiele gestischer Expression. Auch Vertreter einer jüngeren Generation wie Christian Eisenberger und Denise Rudolf Frank suchen die dionysische Freiheit im Ausdruck. Kunstschaffende lieben die Ekstase, wollen – wie etwa Henri Michaux, der unter dem Einfluss des Halluzinogens Meskalin Zeichnungen und Bücher anfertigte – in rauschähnlichen Zuständen über sich hinauswachsen. Sie widmen sich häufig den Obsessionen. Die psychedelische Kunst der 1960er-Jahre basierte vielfach auf Drogenexperimenten. Andy Warhols „Exploding Plastic Inevitable“ (EPI, 1966) war als multimediales Environment angelegt, das in einem Sinnenrausch in andere Sphären führte.

Spätestens mit dem Automatismus der Surrealisten hielt das Zufallsprinzip als wesentliches Merkmal der bewussten Kontrollaufgabe Einzug in die Kunst. Das Spannungsverhältnis von Macht und Ohnmacht diskutieren viele Künstlerinnen und Künstler in ihrem Werk. Markus Schinwald etwa thematisiert mittels Körperprothesen Abhängigkeitsverhältnisse und entwirft Marionetten, die häufig unsichtbare Manipulationsstrategien in größerem Ausmaß veranschaulichen. Die auktoriale Kontrollaufgabe wurde auch infolge der postmodernen Auseinandersetzung mit dem Tod des Autors, wie ihn Roland Barthes beschrieb, zu einem wichtigen künstlerischen Prinzip (vor allem während des Produktionsprozesses). Schöpfung durch Nicht-Schöpfung. Handeln durch Nicht-Handeln. Ausschaltung des Schopenhauer’schen Dictums „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Die symbolische Konnotation des Sehsinns als optisches Regulativ und Korrektiv hinterfragen etwa Crisfors analoge Doppelbelichtungen aus der Serie „Capprici“ ebenso wie Arnulf Rainers Blindzeichnungen. Auf der Suche nach dem verlorenen Glauben bleibt nur das Vertrauen, das ohne Beweis auskommen muss. Blind tappen wir durch die Welt. Breathe!

(Robert Punkenhofer, Angela Stief)