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Ein Gespräch mit Başak Şenova, neue Chefkuratorin des KunstHausWien

Was erwartet das KunstHausWien unter der neuen Chefkuratorin Başak Şenova? Im Gespräch mit Sabine B. Vogel gibt sie Einblicke in ihre kuratorischen Pläne, spricht über ökologische Fragen, Hundertwassers Vermächtnis und die Wiener Kunstszene.

Başak Şenova Photo: Sergio Urbina

Mit Wirkung zum 1. August 2026 gab das KunstHausWien die Wahl der neuen Chefkuratorin bekannt: Başak Şenova. Damit fiel die Entscheidung für eine der profiliertesten, global arbeitenden Kuratorinnen unserer Zeit, die besonders bekannt ist für ihre forschungsbasierten Projekte.

 

Geboren 1970 in Istanbul, studierte Şenova zunächst Literatur, dann Grafikdesign in Ankara, promovierte dort und absolvierte 2002 das Curatorial Training Programme der Stichting de Appel in Amsterdam. Zahllose Projekte später zog sie 2017 nach Wien, um ihrer Tochter Maya „ein Umfeld zu bieten, in dem sie ihr Potenzial als außerordentlich talentierte Klavierspielerin voll entfalten zu können“, wie sie im teils mündlich, teils per email geführten Interview erklärt.

Kurz später wurde Maya in den Hochbegabtenkurs der mdw (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) aufgenommen, wo sie heute studiert.

 

Wie aber erging es Başak mit dem Wechsel von Istanbul nach Wien? War es ein schwieriger Schritt?

 

Başak Şenova (BS): Es war eine große Veränderung, aber kein schwieriger Schritt. Ich bin in meinem Leben immer wieder umgezogen, und ich mag Wien sehr. Ich hab ein Projekt namens CrossSections mitgebracht, das ich 2017 in Finnland initiierte, eine forschungs- und prozessorientierte Plattform mit 19 Künstler:innen und 9 Partnerinstitutionen.

 

Sabine B. Vogel (SBV): Konntest du das in Wien zeigen?

 

BS: Ja, in der Kunsthalle Exnergasse, wo wir das Projekt über drei Jahre  weiterentwickelten. Danach wurde ich von Barbara Putz-Plecko, der damaligen Vizerektorin der Universität für angewandte Kunst Wien, zu einer Residency an der Universität eingeladen. Später war ich Gastprofessorin dort und leitete das Octopus-Programm.

 

Anschließend erhielt ich eine FWF-PEEK-Förderung für The Atlas (of Creative Mechanisms): Curating–Conducting, eine vergleichende Untersuchung von Kurator:innen und Dirigent:innen, die ich seit 2022 leite. Ich schließe die Forschung mit einer Buchpublikation ab, die im März 2027 erscheinen soll.

 

Als Projektleiterin des Africa-UniNet-Projekts Thinking Soil & Water bleibe ich bis September 2028 als Research Fellow mit der Universität verbunden und schaffe eine Verbindung zwischen dieser Forschungsinitiative und dem KunstHausWien.

The Octopus exhibition at the AIL, Ehemalige Postsparkasse, 2022. Featuring Verena Miedl-Faißt and Jyoti Mystry at the back. Photo: Basak Senova
The Atlas Exhibition, 2026. Exhibition view featuring works by Yane Calovski, Bronwyn Lace, Hristina Ivanoska, and Timo Tuhkanen at Kunsthalle Exnergasse. Photo: kex—/Wolfgang Thaler
Soil & Water Exhibition at Nirox Sculpture Park, 2025-2026. Featuring Ramesch Daha, Diana Vives & Douglas Gimberg at Villa-Legodi Centre for Sculpture. Photo: Ntate Nisha

SBV: Wie konntest du in so kurzer Zeit so viele intensive Projekte realisieren?

 

BS: (lacht) Ich arbeite generell sehr viel, ja. Aber vom letzten Quartal 2022 bis ins Jahr 2023 habe ich eine ausgesprochen schwierige Zeit durchlebt. Während der Pandemie habe ich einen meiner engsten Freunde verloren. Dann ist 2023 meine Schwester, zu der ich eine sehr enge Beziehung hatte, verstorben, und nur 40 Tage später auch meine Mutter. In dieser Zeit weiterzuarbeiten und zu produzieren war für mich eine Form der Therapie.

 

SBV: Hat das Leben hier deinen kuratorischen Fokus verändert?

 

BS: Natürlich veränderten jeder Wechsel, jede Herausforderung, jede Freude und jeder Schmerz unsere Prioritäten und Perspektiven. Aber Wien bietet mir ein stabiles und sicheres Umfeld, in dem ich weiterhin produktiv sein kann und gleichzeitig eng mit der Türkei und dem internationalen Netzwerk verbunden bleibe, das ich über die Jahre aufgebaut habe.

Mirror Project: Agrigento Capitale Italiana della Cultura 2025. Featuring "Mother Water. You kept silent, yet the knowledge is mine", (2024) by Almagul Menlibeyeva, Teatro Pirandello, Agrigento, 2025. Photo: Maya Muratoglu

SBV: Wie siehst du die Kunstszene in Wien?

 

BS: Ich erlebe die Wiener Kunstszene als außerordentlich vielfältig und reich, mit einer großen Bandbreite an Institutionen, Galerien, von Künstler:innen betriebenen Initiativen, Off-Spaces, Communities und Einzelpersonen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass diese unterschiedlichen Teile des Ökosystems noch immer fragmentiert und zu wenig miteinander verbunden sind, mit nur begrenztem Austausch, was Kommunikation, persönliche Beziehungen, Wissen und Informationen betrifft.

 

SBV: Hast du Deutsch gelernt, seit du in Wien bist?

 

BS: Ich habe B1 abgeschlossen, brauche aber noch mehr Übung, um meine mündlichen Sprachkenntnisse zu verbessern. Wenn man in so viele Projekte eingebunden ist, ist das natürlich auch eine Frage der Zeit. Die meisten meiner Projekte sind international und an der Universität spreche ich den ganzen Tag Englisch. Jetzt ist das KunstHausWien jedoch ein deutschsprachiges Umfeld, sodass ich allmählich Fortschritte mache

Außenfassade KunstHausWien. Foto: Paul Bauer

SBV: Warum ist das Kuratieren für das KunstHausWien für dich interessant?

 

BS: Das KunstHausWien nimmt eine besondere Position ein. Es ist eines der wenigen Museen weltweit, in denen zeitgenössische Kunst und ökologisches Denken zentrale Felder der Auseinandersetzung sind. Indem ich mich ökologischen Fragen sowohl mit Dringlichkeit als auch mit Wertschätzung nähere, möchte ich über die vorherrschenden, von Krisen geprägten Narrative hinausgehen. Ich will nicht nur auf das aufmerksam machen, was gefährdet ist, sondern auch auf das, was wir achten und deshalb für zukünftige Generationen bewahren, erhalten und schützen möchten. Das KunstHausWien bietet mir die Möglichkeit, diese Richtung weiterzuentwickeln.

 

Zweitens ist das Team für mich sehr wichtig. Bereits in der ersten Runde der Vorstellungsgespräche hatte ich das Gefühl, dass es ein Ort ist, an dem ich mich wirklich entfalten kann. Besonders beeindruckt hat mich zunächst der Respekt, den die Direktorin Gerlinde Riedl der kuratorischen Erfahrung, Forschung und Praxis entgegenbringt, und das Vertrauen, das sie in die Rolle und das professionelle Urteilsvermögen jedes einzelnen Teammitglieds setzt. Gleichzeitig bietet sie die notwendige starke inhaltliche und administrative Unterstützung, um Ideen in die Realität umzusetzen. Das ist für mich eine ideale Balance.

 

Auch das Team hat mir sofort ein starkes Gefühl für ein wirklich unterstützendes Umfeld vermittelt. Es gibt eine Kultur des Dialogs, der kontinuierlichen Kommunikation, der gegenseitigen Information und der Wertschätzung der Perspektive jedes Einzelnen.

Die Direktorin des KunstHausWien, Gerlinde Riedl. © Sabine Hauswirth

SBV: Interessierst du dich auch für das Werk von Hundertwasser, das ja dort permanent zu sehen ist?

 

BS: Mein Hintergrund liegt im Grafikdesign, daher haben mich jene Aspekte von Hundertwassers künstlerischer Praxis immer besonders interessiert, die sich mit diesem Feld überschneiden. Darüber hinaus ist das KunstHausWien in einem Gebäude untergebracht, das er auf eine wirklich einzigartige Weise gestaltet hat.

 

Für mich geht es beim Ausstellungsmachen vor allem darum, die Wahrnehmung des Publikums zu gestalten. Deshalb ist der Ausstellungsort selbst immer zentral für mein kuratorisches Denken und prägt das Ergebnis.

 

Auf einer anderen Ebene interessiert mich vor allem die Möglichkeit, stärkere Verbindungen zwischen Hundertwassers Vermächtnis und dem temporären Programm des KunstHausWien herzustellen. Mein Ziel ist es, ihn nicht ausschließlich als historische Figur oder als Gegenstand einer permanenten musealen Präsentation zu positionieren, sondern zu zeigen, wie seine Ideen weiterhin in der zeitgenössischen künstlerischen Praxis nachwirken. Mit meinem Programm möchte ich diese Verbindungen in den heutigen ökologischen, kulturellen und gesellschaftlichen Realitäten nachverfolgen.

KunstHausWien. Museum Hundertwasser. Photo: Mafalda Rakoš

SBV: Wirst du viel Spielraum haben oder dich hauptsächlich auf Fotografie konzentrieren?

 

BS: Unter der Leitung von Gerlinde Riedl hat sich das Museum von einem auf Fotografie ausgerichteten Programm hin zu einer Präsentation einer großen Bandbreite künstlerischer Medien entwickelt, eine Entwicklung, die ich sehr unterstütze.

 

Gleichzeitig habe ich ein besonderes Interesse an lens-based artistic production, daher wird das Programm sicherlich weiterhin Fotografie und andere lens-based works neben anderen Formaten und Medien umfassen.

 

Eine der neuen Ergänzungen meines Programms ist beispielsweise ein Filmraum, der Artists‘ Films im Museum gewidmet sein wird. Ich möchte eine Vielfalt unterschiedlicher Formate und Medien präsentieren und auf verbindende Elemente zurückgreifen, die einen kontinuierlichen Flow durch das gesamte KunstHausWien gewährleisten.

 

SBV: Danke für das Gespräch!

 

Mehr Informationen zum KunstHausWien. Museum Hundertwasser:

https://www.kunsthauswien.com/