EXHIBITIONS

Kontrollverlust – Guglielmo Castelli in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz

Der italienische Künstler schafft im strengen Raum am Karlsplatz eine überraschende, träumerische Bildwelt. Ein Text von Sabine B. Vogel.

Guglielmo Castelli beim Malen des Wandbildes für die Ausstellung Sweet Baby Motel, Kunsthalle Wien 2026. Foto: Daniel Kalkhofer

So herrlich theatralisch war schon lange keine Ausstellung mehr in der Kunsthalle am Karlsplatz: 22 Meter lang ist Guglielmo Castellis Wandgemälde. Der 1987 in Turin geborene Künstler spricht vom „Stil eines Kinderbuchs“, in dem sich sein Werk entfalte. Es ist Castellis erste institutionelle Personale außerhalb Italiens, eine Übernahme aus dem Turiner Castello Rivoli. Heuer zeige die Kunsthalle nur Kooperationsprojekte, betont Direktorin Michelle Cotton – das sei finanziell sinnvoller und baue ein Netzwerk auf.

 

Das Wandgemälde entstand eigens für Wien. Sein Ausgangspunkt sei das Märchen „Hänsel und Gretel“ gewesen, erzählt er bei der Pressekonferenz. Von jenem Geschwisterpaar, das von den Eltern im Wald ausgesetzt wird und zu der bösen Hexe im Lebkuchenhaus kommt, ist in dem Gemälde kaum etwas wiederzufinden. Einzig das Haus ist mit viel gutem Willen zu erkennen – Referenzen sind bei Castellli eher lose Assoziationen. Es sei „umgestürzt“, sagt er, um „Hierarchien und Kontrolle in Frage zu stellen“.

Ausstellungsansicht Guglielmo Castelli: Sweet Baby Motel, Kunsthalle Wien 2026 Courtesy des Künstlers; Mendes Wood DM, São Paulo/Brüssel/New York/Paris und Sylvia Kouvali, London/Piräus, Foto: Iris Ranzinger

Das jedenfalls gelingt Castelli perfekt. Kontrollverlust scheint das zentrale Moment seines Wandgemäldes zu sein. Da schweben, fallen und fliegen auf einem grau-braunen Hintergrund Körperteile und Figuren im nebulösen Raum. Immer wieder erkennt man ein Gebiss – das sei kein Symbol, stehe aber für Kindheit, erklärt er auf Nachfrage. Lose verstreut hängen auf dem Wandgemälde sieben Ölbilder, immer wieder erkennt man einen Harlekin als Bildhelden, einmal in einem „Smoking Room“. Seine Bildwelt ist surreal, fragmentiert, unheimlich und merkwürdig altmodisch in Maltechnik und Komposition. Es ist definitiv nicht das Märchen, das Castelli hier abbildet, sondern die der Erzählung zugrundeliegende Stimmung – eine bedrohliche Dramatik. Eine aus den Fugen geratene Welt.

Ausstellungsansicht Guglielmo Castelli: Sweet Baby Motel, Wandbild ohne Titel (Detail), 2026, Kunsthalle Wien 2026 Courtesy des Künstlers; Mendes Wood DM, São Paulo/Brüssel/New York/Paris und Sylvia Kouvali, London/Piräus, Foto: Elmar Bertsch

Diese Stimmung prägt auch seine Vitrinen mit ausgeschnittenen Papierformen auf Miniaturtischen, die mit „Küche“ oder „Schlafzimmer“ betitelt sind. Man kann die Formen als abstrahierte Möbel lesen. Auch wenn hier die Ausbildung des Künstlers als Theaterbühnenbildner allzu sehr durchschlägt, die Objekte zu sehr an Bühnenbildentwürfe erinnern, schaffen Vitrinen und Malerei zusammen in dem strengen Raum am Karlsplatz eine überraschende, träumerische Bildwelt. Der Ausstellungstitel Sweet Baby Motel ist übrigens noch eine weitere Referenz in dem Bündel der losen Verweise: Es ist die Inschrift einer kleinen Plakette in seinem Turiner Atelier und Lebensraum.

Ausstellungsansicht Guglielmo Castelli: Sweet Baby Motel, Kunsthalle Wien 2026 Courtesy des Künstlers; Mendes Wood DM, São Paulo/Brüssel/New York/Paris und Sylvia Kouvali, London/Piräus, Foto: Iris Ranzinger