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Forms Larger and Bolder: EVA HESSE ZEICHNUNGEN

Eva Hesse No title, 1964 Pen, watercolor, gouache, and collage on paper 11 ⁹∕₁₆ × 16 ⁹∕₁₆ in., 29.4 × 42.1 cm Allen Memorial Art Museum, Oberlin College, Oberlin, OH. Gift of Helen Hesse Charash, 1983.106.1 © The Estate of Eva Hesse. Courtesy Hauser & Wirth

Im Unterschied zur Bildhauerei, mit der Eva Hesse (1936 – 1970) erst kurz vor ihrem Tod begann, begleitete sie das Zeichnen durch ihre gesamte künstlerische Laufbahn. Ihre turbulente Lebensgeschichte und der tragische frühe Tod verstärken den Mythos um ihre Kunst. In einem Interview meinte die US-Amerikanerin, dass ihr das Zeichnen immer leichtgefallen wäre. Das mumok zeigt nun erstmals in Österreich Eva Hesses grafisches Werk eine Auswahl ihrer diversen Skizzen und Zeichnungen aus den umfangreichen Beständen des Allen Memorial Art Museum am Oberlin College, Ohio, wo sich die Eva Hesse Archives befinden.

Eine vielfältige Auswahl von frühen figurativen Studien über abstrakt-expressive „Kritzeleien“ und suggestiv-erotische Diagramme bis hin zu Entwurfsskizzen für Skulpturen offenbart Hesses Leichtigkeit und Freude an der Zeichnung. VIENNA ART WEEK hat sich mit Kuratorin Manuela Ammer über die Ausstellung unterhalten.

VIENNA ART WEEK: Die bildhauerischen Arbeiten Eva Hesses sind einem breiten Publikum bekannt, die Zeichnungen jedoch weniger. Welche Relevanz haben sie in Hesses Schaffen?

Manuela Ammer: Mein Eindruck ist, dass Hesse das Zeichnen als selbstverständliche Aktivität empfunden hat, als einen Modus, in dem man unterschiedliche Eindrücke, Überlegungen und Emotionen nah bei sich selbst verhandeln kann, bevor man diese möglicherweise auch in andere Medien, Materialien oder Größendimensionen übersetzt.

VIENNA ART WEEK: Sehen Sie die Zeichnungen Eva Hesses als eigenständige Kunstform oder sind sie mit Bildhauerskizzen zu vergleichen?

Ammer: Sowohl als auch. Hesse hatte zweifelsohne ein Interesse an der Zeichnung als künstlerischer Disziplin und Ausdrucksform – in ihren Grafiken sieht man, dass sie sich mit den virtuosen Zeichnern ihrer Zeit beschäftigt hat, darunter Arshile Gorky, Willem de Kooning oder Cy Twombly. Insbesondere in Zusammenhang mit den Skulpturen gibt es definitiv aber auch Blätter, die vorbereitenden oder begleitenden Charakter haben. Allerdings sind selbst diese nie rein technischer Natur, sondern halten eher Qualitäten wie Dynamik, Dichte oder Masse fest.

VIENNA ART WEEK: Was fasziniert Sie persönlich an Eva Hesses Kunst?

Ammer: Mich persönlich hat der „Hesse-Mythos“ immer ein bisschen abgeschreckt. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass sich ihre Biografie gleichsam vor das Werk schiebt und den Blick darauf verstellt. Deshalb war es interessant, anhand der weniger bekannten Zeichnungen eine Präsentation zu konzipieren, die ihre Biografie zwar nicht ausschließen kann oder will, aber andere Aspekte in den Vordergrund rückt.

VIENNA ART WEEK: Welche Aspekte zählen hier zu den Stärken?

Ammer: Etwa Hesses Spiel mit dem Verhältnis von Fläche und Raum, ihre intensive Auseinandersetzung mit der Kunst ihrer Zeit und nicht zuletzt ihr außergewöhnlicher Sinn für Farben. Für jede Generation von Kunstschaffenden beispielhaft ist Hesses Mut – sie hat nie gezögert, Neues auszuprobieren, sich selbst in Frage zu stellen und, wenn nötig, neu zu erfinden.

VIENNA ART WEEK: Welche Rolle spielen feministische Theorien bzw. ihre Rolle als Frau in der damaligen Kunstwelt in den Zeichnungen?

Ammer: Wenngleich Hesses Werk wie kaum ein anderes in feministischen Zusammenhängen diskutiert worden ist, hat sie sich selbst nicht unbedingt als Feministin verstanden. Nichtsdestotrotz steht ihr Werk beispielhaft für den Versuch, eine hegemoniale, männlich identifizierte Ästhetik mit anderen Qualitäten zu versetzen.

VIENNA ART WEEK: Wie drückt sich das aus?

Ammer: Hesses Variante des Minimalismus etwa operiert mit dem Imperfekten, mit der Anmutung des Handgemachten und Organischen; oft scheinen ihre Arbeiten psychisch „unter Spannung“ zu stehen. Damit bereitete sie nachfolgenden Generationen von Künstler_innen den Weg, nach komplexeren Beziehungen zwischen Kunst und Leben zu suchen und dogmatischen Vorstellungen von Kunst inklusivere Ansätze entgegenzusetzen.

VIENNA ART WEEK: Was waren die konzeptuellen Überlegungen bei der Präsentation im Museum moderner Kunst?

Ammer: In Hesses Werk lässt sich eine Spannung zwischen Experimentierfreude und konzeptueller Strenge verfolgen. Besonders deutlich zeigt sich dies am Motiv des Kubus oder der Box, das sowohl in der Zeichnung wie auch in der Malerei und Skulptur vorkommt. Da auch das Museum mit der modernistischen Idee des „White Cube“ verknüpft ist, haben wir im mumok für die Präsentation der Hesse-Zeichnungen die Form des Kubus aufgegriffen: Hesses Arbeiten auf Papier werden in drei Kuben gezeigt, die unterschiedliche Stadien der Dekonstruktion aufweisen.

Salomea Krobath

EXHIBITION
Forms Larger and Bolder: EVA HESSE ZEICHNUNGEN
aus dem Allen Memorial Art Museum at Oberlin College
16 NOV 2019 – 16 FEB 2020
mumok

Kuratiert von Manuela Ammer und Barry Rosen mit Andrea Gyorody