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LIVING RITUALS

Heute mögen Rituale anachronistisch erscheinen – als wären sie Boten von anderen Zeiten und anderen Orten; als wären sie vergangenen religiösen Techniken und den Glaubenspraktiken fremder, vielleicht indigener Völker entsprungen. Dessen ungeachtet sind sie aber auch in säkularisierten Gesellschaften tief verwurzelt, dienen dem sozialen Zusammenhalt, strukturieren den Alltag und zeitliche Abläufe. Ritualen haftet stets der Anspruch an, über eine ursprüngliche und existenzielle Dimension zu verfügen, sowohl Konzentration als auch Entgrenzung sind ihnen zu eigen. Für ihr Verständnis ist die kultische Einbettung des Körpers in prozessuale Abläufe und Inszenierungen wichtig: „Der ritualisierte Körper ist eine prunkvolle Bühne, in die sich Geheimnisse und Gottheiten einschreiben“, meint Byung-Chul Han. Um die Intensität der rituellen Form begreifen zu können, müssten wir uns zweifellos von der Idee befreien, dass alle Lust aus der Erfüllung eines Wunsches herrühre. Das Spiel würde uns im Gegenteil die Regelleidenschaft, die Macht offenbaren, die einem Zeremoniell und nicht einem Wunsch entspringe. In seiner aktuellen Publikation stellt der südkoreanische Philosoph, der in Deutschland lebt, mit Sorge fest, dass Rituale in der Gegenwart vom Verschwinden bedroht sind: Die Ökonomie um narzisstische Aufmerksamkeitswerte, neoliberaler Leistungszwang, produktive Beschleunigung, kapitalistische Selbstverbesserung, globale Digitalisierung und der Kult um oberflächliche Vernetzung verdrängen zunehmend die Modi des Ritus und die Rhythmen der Intuition. Die verheerenden Konsequenzen sind Schnelllebigkeit, Entsolidarisierung und mentale Zersplitterung.

Der Rehabilitation des Rituals kann man in der zeitgenössischen Kunst und in der Betonung der Form als Ethik der ornamentalen Ästhetik begegnen. Zeremonienmeister wie Hermann Nitsch, der Erfinder der „Sozialen“ Plastik Joseph Beuys und der Magier der Stille James Lee Byars sind Protagonisten des Rituellen. Auch Künstlerinnen wie Marina Abramović, Ana Mendieta und Joan Jonas beschäftigten sich ab den 1970er-Jahren intensiv mit Körperritualen. Schamanistische Prediger und Naturverbundene wie Emma Kunz und Friedrich Schröder-Sonnenstern beseelten in animistischen Akten tote Materie und beglückten mit visionären Einsichten in allumfassende Weltzusammenhänge. Schon lange übersetzen Filmschaffende die Mythen des Alltags in „never ending stories“, die Endlosschleifen des Loops. In virusgeplagten Zeiten nehmen Rituale eine neue Rolle ein: Die Begrüßungsformel des Handshakes weicht dem Händewaschen. Wege wie der tägliche Gang zur Arbeit werden vom Beitritt zum digitalen Zoom-Meeting abgelöst, und als Geste der Solidarität öffnen Menschen die Fenster ihrer Wohnungen und beschallen während der strengen Ausgangsbeschränkungen täglich um 18 Uhr den öffentlichen Raum.

Angela Stief und Robert Punkenhofer