Vienna Art WeekNews
VIENNA ART WEEK 2020 - LIVING RITUALS

Notgalerie

Ich werde nicht dulden, dass ihr mich alleine lasst

Dauer der Ausstellung
17.11.202020.11.2020
Notgalerie, ICH WERDE NICHT DULDEN DASS IHR MICH ALLEINE LASST, Sommer 2020, © Reinhold Zisser

Im „House of Rituals“ im Rahmen der Vienna Art Week – einer Ausstellung ohne Publikum – wurden Besucher und Besucherinnen von einem körperlosen, kantigen Holzbogen empfangen, der sich über den Gartenweg spannt. In einem Innenhof, der sich zwischen zwei Eingängen befindet, verliert der an einen Torbogen erinnernde Gebäudeteil seine praktische Funktion als Eingang zugunsten einer symbolischen. Der Bogen ist ein architektonisches Element der Notgalerie – einer sozialen Skulptur/Meta-Installation/Institution, die 2015 vom Künstler Reinhold Zisser initiiert wurde. An dieser Stelle wieder platziert, betritt der Besucher nicht den physischen Raum der Notgalerie. Stattdessen gelangt er in ein verlassenes, leicht verwahrlostes Haus, abwesend von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Publikum.

Dass die Position des Torbogens im Garten eines verlassenen Hauses, das zu einem temporären Ausstellungsraum umfunktioniert wurde, das Tor zwischen Funktion und Symbolik darstellt, spiegelt auch Zissers Interesse an der Beziehung zwischen Objekt und Repräsentation wider. Im „Haus der Rituale“ wird also nicht nur die physische Rahmung der Notgalerie dem Ort überlagern, sondern auch ihre konzeptuelle Ausrichtung. Losgelöst von dem Gebäude, zu dem sie gehört, wird sie nicht nur zu einem individuellen Kunstobjekt, sondern auch zu einer Geste – so wie die Besucher eine Art Geste vollziehen, indem sie bewusst eine übergangslose Schwelle passieren und Teil einer größeren Performance werden.

Nach drei Jahren an ihrem Standort in der Seestadt (U-Bahn-Station Aspern Nord) wurde die Notgalerie vollständig abgebaut und ihre Einzelteile verstreut; die Gemeinschaft wurde eingeladen, einen Teil – oder mehrere Teile – in temporäre Verwahrung zu nehmen. Die einzelnen Stücke sind nummeriert und katalogisiert worden, ähnlich der Sammlungsverwaltung in Museen und Galerien. Der Abbau der Notgalerie selbst war eine partizipatorische Performance, die in acht Akten wie ein erweitertes Bühnenstück von Juli bis Oktober 2020 stattfand und deren Nachhall auch hier zu spüren war. Tatsächlich stellte sie eine Fortsetzung des Zerlegungsprozesses dar, der unter dem Titel „Ich werde nicht dulden, dass ihr mich alleine lasst“ abgewickelt wurde.

Einige Teile des Gebäudes waren auch in einem kleinen Raum innerhalb des „House of Rituals“ aufgestapelt. Holzbretter und -platten in verschiedenen Größen liegen auf dem Boden und auf einer Arbeitsplatte, daneben ein Stapel gedruckter Verträge, in denen die Bedingungen der Leihgabe festgehalten sind. Dass die Ausstellung nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war, scheint eine weitere performative Ebene hinzuzufügen. Die Teile liegen da und warteten darauf, dass ein abwesendes Publikum sie einsammelt und sich um sie kümmert; die unausgefüllten Verträge warten auf Unterschriften.

Notgalerie, House of Rituals © VIENNA ART WEEK 2020 Foto: Rainer Fehringer

Die Abnutzung der Holzbalken, die individuellen Markierungen, Absplitterungen und Verwerfungen, die sich im Laufe der Geschichte des Gebäudes, seiner mehrfachen Iterationen, Funktionen, De- und Re-Montagen entwickelt haben, betonen auch ihre Objekthaftigkeit. Sie sind nicht nur Teile eines konkreten Ganzen, sondern auch einzelne abstrakte Elemente. Dies, so Zisser, veranlasst auch manche Verwahrer, die Stücke in ihren Wohnungen auszustellen, sie als Kunstwerke an die Wand zu hängen.

Im Kontext des Themas der Vienna Art Week, „Living Rituals“, rückt der Auftritt der Notgalerie im Rahmen der Ausstellung im Haus in Simmering den Begriff der Gastfreundschaft in den Vordergrund. Gastfreundschaft hat natürlich ihre eigenen Bräuche und Rituale – es kann ein Austausch stattfinden: Gaben und Gesten, Worte der Begrüßung und des Dankes (manchmal sind sogar Verträge im Spiel). Das Überschreiten der Schwelle, das Betreten des Hauses eines anderen, seines Raumes, kann eine Gast-Gastgeber-Beziehung für die Dauer des Aufenthalts festigen: in der der Gast willkommen ist, aber innerhalb bestimmter Grenzen.

Wir können uns solche Beziehungen und Machtdynamiken in Verbindung mit den Strukturen der „Kunstwelt“ vorstellen, wo es oft eine klar definierte Gast-Gastgeber-Beziehung gibt, die sich zum Beispiel zwischen Institution und Künstler abspielt. Der Künstler kann eingeladen werden, ein Projekt oder eine Ausstellung zu machen, aber die Bedingungen des Arrangements können mit einer Reihe von Zwängen verbunden sein – innerhalb eines Systems, in dem Künstler oft schon den Institutionen verpflichtet sind.

Als Zisser zum ersten Mal die Idee hatte, die Teile der Notgalerie zu demontieren und zu verteilen, so sagt er, dachte er an eine Möglichkeit, die Notgalerie als Institution verschwinden zu lassen. Er stellte jedoch fest, dass sie gar nicht wirklich verschwindet, sondern sich vielmehr dezentralisiert. Dabei werden auch die Rollen von Institution, Künstler, Besucher, Kurator etc. verschmolzen und neu konfiguriert, ihre Unterscheidungen aufgelöst.

Das Projektkonzept für „Ich werde nicht dulden, dass ihr mich alleine lasst“, das auf der Homepage der Notgalerie zu finden ist, lautet kurz und bündig erklärt: „Die Künstlerinnen und Künstler selbst sind Institution und Heimat“. Die physische Struktur der Galerie wird zerlegt, abstrahiert, auf die Gemeinschaft umverteilt – die wiederum Gastgeber für ihre Teile werden – so dass, wie es im Konzepttext weiter heißt, „der Körper einer neuen Institution“ entsteht.

Notgalerie Container, ICH WERDE NICHT DULDEN DASS IHR MICH ALLEINE LASST, Sommer 2020 © Reinhold Zisser

Für Zisser war es notwendig, dass die Notgalerie ein Ende hat – auch wenn dieses Ende eigentlich ein Moment des Übergangs zu einer neuen Iteration, zu neuen Möglichkeiten der Erweiterung des Konzepts ist. Der Künstler weist darauf hin, dass Kunst immer ein Ende haben muss, und dieses Ende liegt meist im Markt. Vor dem zweiten Covid-19-Lockdown waren der Torbogen und die Einzelteile der Notgalerie eigentlich für eine Installation im Dorotheum geplant – einem der größten und ältesten Auktionshäuser der Welt, einem wichtigen Zentrum des Kunstmarktes –, wo Zisser die Stücke an interessierte Besucher ausgeliehen hätte. In gewisser Weise hätten sie damit ihren Endpunkt auf dem Markt erreicht. Zisser stellt jedoch klar, dass kein Teil der Notgalerie für den Verkauf bestimmt ist. Stattdessen war es wichtig, die Teile kostenlos anzubieten, aber nicht zu besitzen – denn die Teilnehmer müssen Verantwortung und Pflege für die Objekte übernehmen und sind verpflichtet, sie innerhalb von fünf Jahren zurückzugeben, damit die Notgalerie wieder aufgebaut werden kann.

Jedes Teil der Notgalerie hat das Potenzial, auf eine neue Art und Weise zu funktionieren, eine andere Rolle einzunehmen – es birgt mehrere Möglichkeiten auf einmal. Dazu gehört auch das nun baulose Fundament, das auf dem Gelände in der Seestadt steht, ebenso wie der daneben stehende Lagercontainer, auf dessen Seite in großen Lettern „Notgalerie“ steht. Der Container selbst könnte ein weiteres mobiles Objekt werden – möglicherweise zieht er Anfang 2021 nach Tirol um, wo die verbliebenen architektonischen Elemente im Inneren für eine weitere Verbreitung zur Verfügung gestellt werden; wenn er sich leert, eröffnet sich die Möglichkeit, auch andere Werke zu zeigen. In der Zwischenzeit hofft Zisser, die Open-Air-Plattform in der Seestadt im nächsten Jahr fortsetzen zu können und zu weiteren Interventionen und Engagements einladen zu können. Zuletzt war dort die Ausstellung „Der Riss in der Ewigkeit ist das Jetzt“ zu sehen, die Besucher waren eingeladen, sie umzugestalten, eigene Interventionen einzubringen etc. Eine weitere Manifestation der Notgalerie entlang der Donau, in der Nähe des Wiener Stadtzentrums, steht möglicherweise ebenfalls bevor: einige Teile könnten installiert werden, um einen weiteren Ort für die Programmplanung zu schaffen. Ganz zu schweigen von den möglichen Manifestationen, die durch einzelne Teile, die sich in der Obhut der Community befinden, entstehen könnten.

Die Notgalerie hat ihren Namen von ihrem früheren Leben als Notkirche. Notkirchen wurden vor allem in Gegenden gebaut, in denen es keine Kirchen gab oder eine durch den Krieg zerstört wurde: eine Antwort auf den Mangel an Raum für die kollektive Ausübung des Glaubens und seiner Rituale. In einer Zeit, in der sich Notlagen und Notfälle häufen, in der die Prekarität der Beschäftigten im Kunst- und Kulturbereich und darüber hinaus zunimmt, scheint die Idee einer Notgalerie, die über ihren eigenen physischen Rahmen hinausgeht und ihn konsequent transformiert, eine besondere Bedeutung zu haben und umso aktueller zu werden.

(Julianne Cordray)

notgalerie.at

 

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