Rebell & Avantgardist, aber auch Kunstmarktkünstler – Gustave Courbet im Leopold Museum
Eine Fülle "grandioser Malerie zum Studieren" bietet die eindrucksvolle Personale im MuseumsQuartier. Ein Text von Sabine B. Vogel.
Gustave Courbet, Le sommeil | Die Schläferinnen, 1866 © Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris, Foto: Paris Musées/Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris
In seiner Zeit galt er als Enfant Terrible, heute wird er als Rebell und Avantgardist, als Vorreiter des Impressionismus, des Realismus und sogar der Moderne gefeiert: Gustave Courbet. Jetzt widmet dem 1819 in einem kleinen Ort im Osten Frankreichs als Sohn wohlhabender Eltern geborenen Künstler das Wiener Leopold Museum eine eindrucksvolle Personale.
Rund sechs Jahre dauerten die Vorarbeiten des Teams unter Direktor Hans-Peter Wipplinger zusammen mit dem Gastkurator Niklaus Manuel Güdel. Jetzt sind stolze 128 Werke, darunter 87 Gemälde, in Wien zu sehen – eine großartige Leistung und ein herrliches Erlebnis, derartig viel grandiose Malerei studieren zu können. Courbet legte mehrere Farbschichten übereinander und kratzte mit dem Palettenmesser einzelne Passagen wieder ab. Er setzte eine realistische, unidealisierte Darstellung gegen die romantisierende Mode seiner Zeit. Bis heute gilt er als einer der ganz großen Maler.
GUSTAVE COURBET, Autoportrait à Sainte-Pélagie | Selbstporträt in Sainte-Pélagie, 1872 © Musée départemental Gustave Courbet, Ornans | Foto: Musée départemental Gustave Courbet/Pierre Guenat
In der Wiener Ausstellung allerdings wird der Fokus auf die Bildsujets gelegt. Die Werke sind motivisch gruppiert, Seestücke, Jagdszenen, Portraits, Aktdarstellungen. Hier ist auch Courbets wohl berühmtestes Werk „L’Origine du Monde“ (1866) zu sehen. ‚Der Ursprung der Welt‘, damit betitelt Courbet die Nah- und Detailsicht auf das weibliche Geschlecht. Ursprünglich für den türkischen Diplomaten Khalil Bey angefertigt, bald darauf verkauft und im 20. Jahrhundert vom Psychoanalytiker Jaques Lacan erworben, gehört das kleine Meisterwerk heute zur Sammlung des Musée d´Orsay in Paris, dem wichtigsten Leihgeber der Wiener Schau.
Ausstellungsansichten "Gustave Courbet" © Leopold Museum, Wien, Foto: Reiner Riedler
So gradlinig wie es die allzu brave Aneinanderreihung suggeriert, ist Courbets Werk jedoch nicht angelegt. Im Gegenteil: Zwar revolutioniert der Autodidakt, der aus Ablehnung der akademischen Malerei nie eine Lehranstalt besuchen wollte, die Malerei. Ab 1848 wagte er es, den ganz normalen, elenden Alltag von Arbeitern zu malen. Es ging ihm um soziale Verantwortung und „Wahrhaftigkeit“, wie er damals erklärte, um eine neue Authentizität. Zu seiner Zeit kritisiert, wird er heute dafür bewundert.
Aber er malte parallel zu den gesellschaftskritischen Werken auch Blumenbilder, die im Leopold Museum ausgespart sind. Zwar wird in einem Saaltext erwähnt, dass er sich bereits 1855 als „selbstorganisierter Ausstellungskünstler“ positionierte, der nicht wie seine Kollegen ausschließlich Auftragsarbeiten ausführte. Aber die Konsequenz dieser Positionierung, nämlich auch Werke explizit für den Verkauf herzustellen, ist hier kein Thema. Dabei schätzt Hans-Jürgen Lechtreck, Kurator am Folkwang Museum in Essen, dass rund 75 Prozent von Courbets Werken Naturszenen zeigen, manche sogar in vielfacher Wiederholung. Im Folkwang Museum wird die Schau in leicht veränderter Form ab Juli zu sehen sein, dort werde Courbet als Avantgardist, aber auch als Kunstmarktkünstler gezeigt, verrät Lechtreck.
GUSTAVE COURBET
Realist und Rebell
19. Februar–21. Juni 2026
Leopold Museum

























































