EXHIBITIONS

Raumqualitäten – Helga Philipp in der Albertina

Die Personale widmet sich dem vielschichtigen Werk der Wiener Künstlerin, deren Arbeiten Raum zu einer visuell erlebbaren Kategorie machen. Ein Text von Sabine B. Vogel

Helga Philipp, Ohne Titel, 2002. Siebdruck, 16-teilig. Nachlass Helga Philipp © Nachlass Helga Philipp. Ausstellungsansicht: ALBERTINA, Wien / Ana Paula Franco

Will man verstehen, was der kaum definierbare Begriff ‚Raum‘ als Thema in der Kunst bedeutet, sollte man jetzt in die Albertina gehen. In der Pfeilerhalle sind vier Dekaden von Helga Philipps Schaffen ausgestellt.

 

1939 in Wien geboren, beginnt sie ihr Kunststudium bereits mit 14 Jahren an der Angewandten – und bleibt Zeit ihres Lebens eine Pionierin. Klassisch bei Eduard Bäumer in Malerei ausgebildet, experimentiert sie Zeit ihres Lebens mit Strukturen, seriellen Anordnungen und Materialität wie Glas, Metallspiegel oder Aluminium, um die Grenzen der Flächen zu überschreiten.

Helga Philipp, Ohne Titel (Kinetisches Objekt), 1971. 120 × 79 × 32 cm, Lack, Plexiglas, Metallspiegel. Lentos Kunstmuseum Linz, Schenkung der Freunde des Lentos Kunstmuseum © Nachlass Helga Philipp. Foto: Lentos Kunstmuseum Linz / Reinhard Haider

 
 

Farbe setzt sie nicht als Ausdrucksträger, sondern als System ein. Ob Wandarbeit oder Objekt, ihre Werke folgen einer klaren Ordnung, basieren auf strengen, formalen Elementen und beziehen vor allem den Betrachter ein. Das gilt schon für Philipps frühe schachbrettartigen Objekte der 1960er, die wir mit jedem Schritt anders, sogar visuell flimmernd wahrnehmen. Aber auch für die modulare Anordnungen von Kreisen oder die erstaunliche Unordnung, die sie in eigentlich regelmäßige Muster bringt.

Helga Philipp, Ohne Titel (Kinetisches Objekt), 1966–1968. 115 × 115 cm, Lack, Glas, Holz. Privatsammlung © Nachlass Helga Philipp. Foto: Nachlass Helga Philipp

In der Kunstgeschichte werden hier Parallelen zur Konkreten Kunst, zur Op-Art und Kinetischen Kunst gezogen. Philipps Werk ist aber weit mehr als das, es ist eine permanente Beschäftigung mit Raum: Wie kann Raum zweidimensional erzeugt werden? Wie nehmen Betrachter:innen Raum wahr? Durch Überlagerungen scheinen sich manche ihrer Werke zu bewegen, sogar zu expandieren – was nur im Auge des Betrachters passiert.

 

1962 hatte Umberto Ecco seine wegweisende Schrift „Das offene Kunstwerk“ publiziert: Ein Kunstwerk ist nicht eindeutig festgelegt, erst der Betrachter aktiviert und vollendet es im Moment der Betrachtung. Philipps Werk ist wie ein Beweis dieser Theorie, und das weit über die genannten kunsthistorischen Kategorien hinaus – wenn etwa die frei im Raum hängenden, hintereinander geschichteten Glasplatten mit dem Rautenmuster sich auf dem Boden der Pfeilerhalle als Schattenmuster fortsetzen. Oder ihre selten ausgestellte, 56-teilige Werkgruppe „Domino“. Die jeweils zwei quadratischen Bildfelder zeigen anstelle von Zahlen Grauwerte. Es ist ein offenes System ohne fixes Zentrum, das sich in der Bewegung des Betrachtens immer anders zusammensetzt – großartig!

Helga Philipp, Ohne Titel (Kinetisches Objekt), 1962–1963. 40 × 40 × 6 cm, Siebdruck, Glas, Holz. Privatsammlung, Verona © Nachlass Helga Philipp. Foto: Mattia Mognetti, Courtesy 10 A.M. ART Gallery, Milan

In der Pfeilerhalle hat es Kuratorin Elsy Lahner mit Philipps Sitzmöbeln kombiniert, die die Kreisvariationen in den Raum überführen – beeindruckend, wie hier die Bedeutung des Zwischenraums sichtbar wird: innerhalb der Werke, zwischen den Werken, zwischen Werken und Betrachter:in.

 

Raum, das zeigt uns Philipps Werk, ist eine visuell erlebbare Kategorie. Oder wie es die 2002 viel zu früh verstorbene Künstlerin in ihrem „Manifest“ von 1967/68 formuliert: „bild – beschauer / beschauer – bild / einbeziehung des raumes in das bild / bewegung im raum im bild“, und am Ende des 22-Zeilers: „veränderung des bildes durch veränderung des beschauers / qualität des beschauers / qualität des bildes“.

 

 

HELGA PHILIPP

Bewegungsräume

Bis 20. September 2026

Albertina

 

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