EXHIBITIONS

Wenn das Museum zum Theater wird – Fatima Hellbergs Einstands-ausstellungen im MUMOK

Die Neupräsentation im wiedereröffneten MUMOK bricht mit Konventionen. Ein Text von Sabine B. Vogel.

Kate Millett, Terminal Piece, 1972. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Photo: Chie Nishio / The Kate Millett Trust

Museen sind Mausoleen. Hier wird Kunst eingefroren. Gesammelt, gelagert und manches nahezu nie, anderes ab und an gezeigt. Wie kann man diese Situation aufbrechen, wie Lebendigkeit in die Institution bringen? Das scheint die Ausgangsfrage der neuen MUMOK-Direktorin Fatima Hellberg gewesen zu sein – und ihre Antwort darauf ist durchaus spektakulär.

 

„Terminal Piece“ nennt sie die große Schau mit rund 400, teil kaum bis nie gezeigten Werken aus der Sammlung. ‚Endstück‘ oder ‚finales Werk‘ übersetzt – und das als Einstandsausstellung! Man ahnt es bereits: Hier werden Konventionen gebrochen.

Fatima Hellberg. Foto: Niko Havranek / mumok

So empfängt uns das MUMOK auch statt mit perfekt renovierten Räumen mit verschachtelten Inszenierungen. Im Untergeschoß leitet uns die 1974 in Georgien geborene Tolia Astakhishvili durch einen roten Tunnel in eine raumfüllende Installation. Wie in der Institutional Critic der 1990er Jahre wird kaum zwischen Werk und Kontext, also der Haustechnik, Wänden und Rohren des Gebäudes unterschieden.

 

In ihrer grau in grau gehaltenen Installation sind Baumaterialien, Kabel und Röhren gleichwertig neben Werken der Haussammlung präsentiert, es ist eine düstere, an Keller erinnernde Atmosphäre. Das entkernte Badezimmer und die vielen, assoziativ kombinierten Teile erinnern eher an eine Baustelle als an ein Museen. Es gehe um Vorstellungen von Zuhause und Zugehörigkeit, um Gefühle von Verlust und das Bedürfnis nach Schutz, lesen wir im kostenlos ausliegenden Folder. Deutlich nachvollziehbarer ist die Anmerkungen, es sei eine Reflexion darüber, „was wir aufbahren, wegwerfen oder dem Verfall überlassen“ – eine spannende Frage in einem Museum!

Tolia Astakhishvili, Tolia Curriculum, 2026. Courtesy of the artist. Design: Syndicat

Noch weiter entfernt sich die zentrale, über fünf Stockwerke verteilte Schau „Terminal Piece“ von musealen Konventionen. Es beginnt auf Ebene O, die kostenfrei zu besuchen ist – der Andrang ist jedoch überschaubar. Auf dem ausliegenden Folder wird Anna Viebrock in gleicher Schrift wie der Titel genannt – ist sie die Künstlerin, die wie Astakhishvili lauter Kollegenwerke in ihre Installation integriert? Nicht ganz.

 

Viebrock ist Bühnenbildnerin. Sie verwandelt hier das Museum in eine Bühne, die Ausstellungen werden zum Theater – in dem Viebrocks Objekte denselben Stellenwert erhalten wie die Werke aus der Sammlung von Arnulf Rainer, Gerhard Rühm oder Franz West.

Ausstellungsansicht, Terminal Piece, 20. Juni 2026 – 7. Februar 2027. Foto: Markus Wörgötter

Solch eine unkommentierte Vermischung von Entwurfsmodellen mit Kunstwerken ist eigentlich ein Tabubruch, passt aber in Hellbergs radikales Statement: Hier gelten nicht die Regeln des Kunstbetriebs, des Museums, sondern des Theaters.

 

Auf der Ebene von Requisiten gibt es keine Unterscheidung zwischen high and low, zwischen Kunst und Arbeitsutensilien. So führt uns dieser „Prolog“ durch bühnenhafte Räumen vom „Arbeitszimmer“ über den „Keller“ bis zur „Kirche“, mit recht beliebig verteilten Werken gerne in Petersburger Hängung – darunter einige sehr schönen Wiederbegegnungen wie die Fotografien von Octavian Trautmannsdorff aus den späten 1980er Jahren.

Ausstellungsansicht, Terminal Piece, 20. Juni 2026 – 7. Februar 2027. Foto: Markus Wörgötter

Zwar verantwortet die Bühnenbildnerin nicht die folgenden vier Etagen, aber das Theaterhafte zieht sich durch: Jede Ebene wird als „Akt“ wie in einer Aufführung bezeichnet. Wie eine Antwort auf Astakhishvili wird bei den Wänden mit einem Rohzustand kokettiert, wahllos nutzlose Rohre hingestellt und viel Wandfläche leer gelassen. Ob dahinter die Hoffnung steht, dass die oft kleinformatigen, seriellen Werke besser wirken? Das jedenfalls wäre gescheitert.

 

Jede Ebene folgt laut Folder hochgesteckten Themen wie das „Spannungsfeld des Blicks“ bei der titelgebenden Installation „Terminal Piece“ von Kate Milletts; „Widersprüche zwischen politischen Idealen und gelebter Erfahrung“ (Akt 2); Akt 4 „erforscht den Apparat des Sehens“ – ob das mit Kunstwerken einlösbar ist? Wenn, dann eher für einen sehr kleinen Kreis von Besucher:innen.

Kate Millett, Terminal Piece, 1972. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Photo: Chie Nishio / The Kate Millett Trust

Ansonsten bietet sich ein neugieriges Schlendern an, vielleicht ein Extra-Blick auf jene Werke, die nicht aus der Sammlung kommen – sehr oft Serielles, oft leider wenig beeindruckend. Großartig dagegen Jean Fautriers Serie der „Geiselköpfe“ von 1943, mit denen er auf die Folter der deutschen Besatzung in Frankreich reagierte – aber warum braucht es derartig viele Bilder, die zwei Messekojen-artige Räume füllen?

 

Vieles erscheint in diesen „Akten“ überambitioniert, manches allzu manieriert wie die Gemäldewagen, mit denen eigentlich die Werke transportiert werden, die jetzt aber als Hängefläche im Raum herumstehen – den herrlichen Richard Tuttle darauf übersieht man fast. Und warum ist es eine durchwegs düstere Atmosphäre, die durch die Werkauswahl erzeugt wird? Vom Vorwurf des Mausoleums und von der Konvention des White Cube jedenfalls, das ist Hellberg durchaus gelungen, hat sich das MUMOK mit diesen Ausstellungen weitmöglichst entfernt.

 

Terminal Piece

20. Juni 2026 bis 7. Februar 2027

Freier Eintritt auf Ebene 0 (‚Prolog‘) bis 30. September 2026

Jean Fautrier, Bouquet des Fleurs, 1929. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, acquired in 1980 © Bildrecht, Wien 2026
Annie Ernaux & Marc Marie, Kitchen, 17 April, 2003. Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin
Rudolf Schwarzkogler / Wilfried Klanjsek-Bratke, Photoseries with Rudolf Schwarzkogler as Model, 1962. Photo: Wilfried Klanjsek-Bratke. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, acquired with support of Fiebinger Polak Leon Rechtsanwälte, Vienna 2014 © Österreichische Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft / Wilfried Klanjsek-Bratke
Verena Paravel & Lucien Castaing-Taylor. Leviathan, 2012. Filmstill. Courtesy the artists
Susan Rothenberg, Mr. Bear, 1978. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, On loan from the Austrian Ludwig Foundation, since 1991 © Bildrecht, Wien 2026