Akademismus versus Avantgarde? Ein dichter Parcours durch die Kunstgeschichte in der Gemäldegalerie der Akademie am Schillerplatz
Zum 300-Jahr-Jubiläum der Akademie am Schillerplatz zeigt Helmut Draxler in 15 Kapiteln, wie sich Akademismus und Avantgarde über Jahrhunderte gegenseitig befruchten: von Michelangelo bis Abdulnasser Gharem. Ein Text von Sabine B. Vogel.
Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Iris Ranzinger
Heuer feiert die Kunstakademie am Schillerplatz ihr 300jähriges Bestehen – Anlass genug für eine große Ausstellung. Aber nicht die eigene Geschichte, sondern einen „Parcours durch die Geschichte der Akademie(n) und ihrer antiakademischen Widersacher“ (Pressetext) ist das Thema von „Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus“, kuratiert von Helmut Draxler.
Als Startpunkt setzt der 1956 in Graz geborene Kulturtheoretiker Vasari bzw. Michelangelo, der für Vasari der „Inbegriff des ‚göttlichen‘ Künstlers“ (PT) war. Eine solche Beschreibung kann Draxler natürlich nicht stehen lassen und konzipiert daraus eine am zentralen Gegenpol ‚Akademismus vs Avantgarde‘ ausgerichtete Schau. Die These: Es ist kein Entweder-Oder sondern eine gegenseitige Beeinflussung.
Dafür treffen großartige Werken aus den Akademie-Sammlungen, dazu einige Leihgaben, auf Gegenwartskunst: Peter Paul Rubens, Nicolas Poussin, Tizian, auch Ferdinand Georg Waldmüller und Herbert Boeckl auf Heimo Zobernig, Jörg Immendorff und sogar Abdulnasser Gharem.
Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Iris Ranzinger
Der 1973 in Saudi-Arabien geborene, in Riad lebende Künstler Abdulnasser Gharem war lange als Offizier im Militärdienst. Bekannt wurde er in den 2000er Jahren im Rahmen der saudischen Gruppe Edge of Arabia, 2011 zeigte er in Berlin in der Schau „Political Patterns“ in der ifa-Galerie „Men at Work“: Die Kombination von militärischer Gewalt und religiöser Architektur war nicht gemalt, sondern aus Stempeln gefertigt. Im selben Jahr wurde seine kuppelförmige, an den Felsendom in Jerusalem angelehnte Konstruktion „Message/Messenger“ bei Christie’s in Dubai für 842.500 Dollar versteigert – das damals teuerste Werk eines lebenden, arabischen Künstlers.
In Wien zeigt Gharem sein neuestes Werk „Aniconism (Painting II)“: 2015 inszenierte Gharem das Gemälde „Der Aktsaal der Wiener Akademie im St.-Anna-Gebäude“ von Martin Ferdinand Quadal (1787) nach, ein Gruppenbild mit Wiener Künstlern – die Gharem mit seinen Künstlerkollegen in typisch arabischen Gewändern nachstellt. Für das aktuelle Bild ließ Gharem diese Szene von einer in Wien ausgebildeten Kopistin im Stil von Quadal als Ölgemälde ausführen.
Diese Überführung einer historischen Akademiemalerei in den saudischen Kontext – inklusiv Abdeckung nackter, primärer Geschlechtsorgane – passt perfekt in diese Schau: Es kommt der unserem Kunstverständnis immanenten Forderung nach, dass Werke sich an Altem orientieren und zugleich Neues präsentieren sollen; dass einst Neues später zum traditionellen Kanon wird, dass Avantgarde akademisch und – das legt die Schau nahe – dass Akademismus wieder modern werden kann.
Martin Ferdinand Quadal, Der Aktsaal der Wiener Akademie im St.-Anna-Gebäude, 1787 © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Die Schau ist mit den 15 Kapiteln eine akademische Nacherzählung einer langen (Kunst-)Geschichte – ein Pflicht-Termin für Schulen und Kunstgeschichtsseminare. Aber es ist mit den zeitgenössischen Positionen auch eine wohl eher unfreiwillige Bekräftigung der gegenwärtigen Krise der Akademien. Nicht nur in der gleichzeitigen, wenn auch räumlich getrennten Präsentation von Quadal und Gharem ist ein gravierender malerischer Qualitätsunterschied unübersehbar. Absicht? Unwahrscheinlich. Überhaupt können sich hier gegenüber den Alten Meistern kaum Zeitgenossen behaupten, immer wieder erscheinen Wandarbeiten anekdotisch oder allzu dilettantisch.
Ob das mit der zeitgenössischen Ausbildung zu tun hat? Künstler wie Gustave Courbet, der lautstark eine Ausbildung an der Akademie ablehnte, malte nicht rebellisch los, sondern erhielt schon als Jugendlicher Zeichen- und Malunterricht, studierte und kopierte Alte Meister. Vielleicht sollten die Kunstakademien nicht mehr nur auf Konzeptfreudigkeit, Recherche und Experimentierfähigkeit setzen, sondern Draxlers These der gegenseitig Beeinflussung von Akademismus und Avantgarde aktiv in die Ausbildung übernehmen?
Der große Michelangelo ist tot!
Avantgarde und Akademismus
2.10.2026–22.8.2027
Ausstellungsansicht © Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, Foto: Iris Ranzinger




























































